LISA-FAS Libertäre Initiative Sozial Arbeitender (WIEN)

Das alternative Modell der “Sozialarbeit von unten”

Februar 20, 2008 · 9 Kommentare

Einen erfrischend anderer Blickwinkel auf Soziale Arbeit im Bezug auf Kritik und Umsetzung bietet die Sozialarbeit von unten an. Gerade in Anbetracht einer Selbstorganisierung von KlientInnen, kann die Sozialarbeit von unten hilfreiche Inputs geben (im Gegensatz zu einem Lüssi o. ähnlichem). Hier nun der Versuch einer Buchrezension:
Diese Theorie hat einen konstruktivistischen Ansatz, was bedeutet, dass sie sich von der Kritik an der vorherrschenden Sozialarbeit ableitet. So beschreibt Karam Khella [1], dass die vorherrschende Sozialarbeit [2] Defizite der gesellschaftlichen Infrastruktur, die durch eine Überkapitalisierung des privatwirtschaftlichen Sektors und durch eine Unterkapitalisierung des öffentlichen Sektors entstanden, ausgleicht und somit die Widersprüche in der Gesellschaft verdeckt. Hier spricht er unter anderem Widersprüche zwischen gesellschaftlichem Reichtum und individueller Kapitalbindung oder des weiteren zwischen verbürgter Chancengleichheit und praktizierter Ungleichheit an.

Der Sozialarbeiter gleicht individuell die Mängel, Widersprüche und Ungerechtigkeiten des sozialen Systems aus, die dieses aufgrund seiner Klassenstruktur kollektiv schafft. [3]

 

SozialarbeiterInnen handeln wie Vertreter anderer staatlicher Institutionen und wachen über die Einhaltung von offiziellen Normen. Wer die Regeln befolgt, so Khella, wird belohnt. Somit fördere Sozialarbeit gesellschaftliches Wohlverhalten und nicht Wohlbefinden.
Durch individualistische Lösungsmuster ignoriert die Sozialarbeit die systembedingten Missstände und verhindert somit die Solidarisierung der KlientInnen und deren kollektive Aufklärung und Aktion.
Keine Veränderung des Systems, sondern eine Anpassung an die bestehenden Gesellschaftsstrukturen abweichender KlientInnen ist beabsichtigt. [4]

Sozialarbeit ist die kodifizierte Angst des bestehenden Systems vor seiner Veränderung [5].

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Doch Khella lehnt Sozialarbeit an sich nicht ab, sondern sieht in seiner Theorie der Sozialarbeit von unten eine Alternative zu der vorherrschenden Form [6]. In einem permanenten Prozess von Erkennen und Handeln soll eine kollektive Mobilisierung der KlientInnen bezüglich ihrer eigenen Interessen erreicht werden. Khella hat ein Zehn-Phasen-Programm entwickelt, bei dessen Umsetzung sowohl SozialarbeiterInnen als auch KlientInnen sich einbringen und mitentscheiden müssen.

In der Sensibilisierungsphase sollen sich die Betroffenen ihrer Situation bewusst werden. Das „Problem“ und die eigenen Interessen sollen erkannt werden, ebenso die Notwendigkeit für die eigenen Interessen einzutreten. Dies soll in Form von Gesprächen stattfinden; an dem Ort, wo die Betroffenen anzutreffen sind.

In der Phase der Kollektivierung ist durch die Schaffung gemeinschaftlicher Beziehungen unter den Betroffenen, die Überwindung der Entsolidarisierung und die Einsicht in die Vorteile der Bildung einer tragfähigen Gemeinschaft, die zur Durchführung eigener Interessen in der Lage ist, vorgesehen.

Die Phase der Aktion ist gekennzeichnet durch eine gezielte Handlung. Sie ist auf die Durchsetzung der Interessen der Betroffenen ausgerichtet. Die soziale Aktion ist Ausdruck einer gesellschaftlich bewussten Gruppe. Ihr geht die Aktivierung, die Belebung einer gesellschaftlich bisher inaktiven sozialen Gruppe, voraus.

Danach folgt die Reflexion. Im Hinblick auf ein weiteres Vorgehen werden die praktischen Erfahrungen besprochen und ausgewertet. Im Falle eines Misserfolgs sollen die AktionsteilnehmerInnen lernen, mit Frustration umzugehen.

Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, geht die Gruppe in die Phase der Mobilisierung über. Was in Bewegung gesetzt wird (zum Beispiel Verhandlungen durch eine Delegation), ergibt sich aus den Diskussionen der vorhergehenden Phase.

In der Phase der Orientierung folgt wiederum eine theoretische Einschätzung der vorherigen Phase. Die SozialarbeiterInnen beginnen sich langsam von der Gruppe zu lösen.

Die Phasen der Aktivierung bis hin zur Orientierung wiederholen sich so lange bis ein Übergang zur nächsten Phase genügend vorbereitet ist.

Die Wiedereingliederung hat die Herstellung tragfähiger sozialer Beziehungen zum Ziel. Sind diese erreicht, befreien sich die KlientInnen von der Institution „Sozialarbeit“.

Dann kommt die Phase der Qualifikation. In diesem Abschnitt sollen Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung, welche eine (neuerliche) Arbeitsaufnahme oder eine Verbesserung im Arbeitsleben erwirken sollen, getroffen werden. Weiters sind politische und sozialrechtliche Schulungen vorgesehen, die, laut Khella, über Gewerkschaften organisiert werden könnten.

Die Organisierung geht über den Rahmen der Sozialarbeit hinaus und ist mehr mit einer politischen Bewegung vergleichbar. Den SozialarbeiterInnen kommt dabei die Aufgabe zu, den Betroffenen den Weg dorthin zu ebnen.

In der letzten Phase, der Veränderung, setzt die selbständig organisierte Gruppe - nun theoretisch und praktisch ausgebildet und vorbereitet - Aktivitäten zur Erreichung ihrer gemeinsamen Ziele.

 

[1] vgl. Khella, Karam: Sozialarbeit von unten: Praktische Methoden fortschrittlicher Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Hamburg: Theorie und Praxis. 1982.
[2] Khella bezeichnet sie als Sozialarbeit von oben.
[3] s. Khella 1982, S. 22.
[4] vgl. ebda., S. 22 ff.
[5] s. ebda., S. 23
.
[6] vgl. ebda., S. 29 ff.

Kategorien: Methoden