Zum Wiener Sozialsystem

functionAls direkt Betroffener, sprich als Lohnarbeiter im Wiener Sozialsystem, will ich hier mal versuchen aus meiner Perspektive zum Förderwesen von Projekten Position zu beziehen.

Wenn in Wien ein neues Projekt im Sozialbereich gestartet wird liegt die Vermutung nahe, dass irgendwo so ein mächtiges Tier erkannt hat, dass er oder sie aufgrund dieses Projektes einen Vorteil haben könnte. Und um das umzusetzen braucht dieser Mensch dann nur noch eine willige Institution mit deren billigen ArbeiterInnen. Und dass das dann auch so funktioniert, wie es sich die AuftraggeberInnen vorstellen wird laufend evaluiert, oder besser gesagt kontrolliert. Und dass das dann meist genau so funktioniert, dass sich die ArbeiterInnen an der Basis – und natürlich erst die KlientInnen – vor lauter Ohmacht nur mehr am Schädel greifen liegt wahrscheinlich daran, dass die AuftraggeberInnen eben aus ihrer Lebenswelt heraus delegieren. Und die ist weit weg von der wovon hier geschrieben wird.

Mariahilferstraße bis Brüssel

Da wo es weit weg ist von den Menschen die in prekären Lebenssituation leben, also in Politik und Wirtschaft, da fühlen sich einige dazu genötigt was zu unternehmen. Sei´s aus christlichem, sozialdemokratischem oder sonst welchem Idealismus und/oder Kontrollwahn, sei´s weil einem die Punks, Junkies oder Obdachlosen vor dem Geschäft das Geschäft vermiesen, da muss was getan werden. Da diese Damen und Herren anscheinend am besten wissen was nun zu passieren hat, starten sie eine Ausschreibung in der ein eigenständiger Handlungsspielraum für´s Projekt eben keinen großen Spielraum hat. So hat es sich anscheinend als praktisch herausgestellt, Projekte selbst ins Leben zu rufen, anstatt zu warten bis es ein sozialer Verein oder engagierte Menschen das machen, die haben ja bekanntlicher und leider auch problematischer Weise ihre eigenen Vorstellungen. Wenn die hohen Damen und Herren schon zahlen sollen, dann schon für was, was ihnen gefällt. Dass sich dann auch alles so entwickelt wie es sich die AuftraggeberInnen vorstellen wird das Projekt mal für ca. 1 bis 2 Jahre bewilligt, dann wird überprüft ob die Auflagen erfüllt wurden und wo mensch sparen könnte. Hie und da kann es dann auch zu umstrukturierenden Entlassungen kommen. Die Dienstverträge sind praktischer Weise auch gleich befristet.

Handzahme Sozialkonzerne

Um die Aufträge reißen sich meist schon etablierte Vereine und bei Zusage – die Konkurrenz im Sozialbereich ist hart – dürfen sie wieder ein wenig wachsen. Richtige Konzerne sind da schon am werken, deren Strukturen sowohl für Außenstehende wie auch für dort Arbeitende kaum noch durchschaubar sind. Die vorgefundenen Auflagen werden von den glücklichen GeschäftsführerInnen meist bereitwillig angenommen. Medienwirksam schütteln AuftraggeberIn und AuftragnehmerIn bei der Eröffnung die Hände, daneben die karrierebewusste Projektleitung und in der zweiten Reihe eventuell noch die BasishacklerInnen und ein paar VorzeigeklientInnen.

Ökonomisierung und Bürokratisierung

Jetzt soll das Radl am werken sein und bleiben und das möglichst ökonomisch. Als hätten soziale Institutionen und Vereine in der Vergangenheit nicht schon immer beweisen müssen, dass sie mit permanent zu wenig Kohle auskommen müssen, wurde ihnen nun ihre ökonomische Mündigkeit abgesprochen. Besachwaltet in Finanzen müssen sie über ihre Leistungen genau Aufzeichnungen machen und Auskunft geben. Um die Schwierigkeit, eine quantitative Aussage über eine qualitative Arbeit zu ermöglichen, wurde die „Stricherlliste“ erfunden. Jeden Tag füllen Hundert- und Tausendshaften an sozial Arbeitenden verschiedenste, in allen Varianten und Ausrischtungen vorhandenen Stricherllisten aus und hämmern diese in den Computer. Daraus entsehen dann Statistiken, die kaum was mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Normale Dokumentationen über die Betreuungsverläufe geschehen nebenbei, für Evaluierungen geben die aber nicht genug Zahlen her. Da die gesamte Administration viel Geld kostet, wird diese meist an die Basis weiterdelegiert (mit Ausnahme der Zahlenauswertung). Den BasishacklerInnen bleibt vor lauter Stricherln kaum noch Zeit für ihre eigentliche Arbeit, außer sie gehen in Richtung Selbstausbeutung und arbeiten mehr als ihnen gut tut.

Ausbeutungsverhältnisse

Dabei wär es gar nicht nötig sich selbst auszubeuten, das erledigt schon der/die ArbeitgeberIn für einEn. Wenn mensch freiwillig in diesem Bereich für einen Lohn arbeiten will (als PsychologIn, SozialarbeiterIn, BetreuerIn, …) müsse mensch sich anscheinend mit einem geringen Lohn, chronischer Unterbesetzung und ständiger Belastung abfinden. Wenn mensch das unfreiwillig machen muß (z.B. wenn man nicht beim Militär das Töten lernen will) müsse mensch sich anscheinend mit einen kaum existierenden Lohn und mit Arbeiten, die halt sonst niemand machen will, abfinden. Wenn mensch freiwillig im sozialen Bereich arbeiten will ohne Geld dafür zu bekommen, sollte dieser sich damit abfinden, dass sie/er den Lohn von Menschen drückt, die darauf angewiesen sind.

Auf alle Fälle unterstehen die Menschen in diesem Gefüge einem streng hierarchischem System: Ganz unten, eh klar, die KlientInnen, dann die für diesen Bereich unausgebildeten Basishackler wie Zivildiener und Betreuer, dann die dafür ausgebildeten SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, TherapeutInnen, usw. dann die Projektleitung, die Geschäftsführung, der Vereinsvorstand, der Geldgeber (z.B. FSW), die Politik, das Kapital. Ein reges von oben nach unten delegieren und treten ist vorhanden und es ist immer wieder verwunderlich, dass alle wichtigen und richtungsweisenden Entscheidungen von den Ebenen getroffen werden, die nichts mit der sozialen Arbeit zu tun haben und es trotzdem kaum einen Aufschrei von der Basis gibt. Was sich ja ändern kann.

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