Das alternative Modell der „Sozialarbeit von unten“

Einen erfrischend anderer Blickwinkel auf Soziale Arbeit im Bezug auf Kritik und Umsetzung bietet die Sozialarbeit von unten an. Gerade in Anbetracht einer Selbstorganisierung von KlientInnen, kann die Sozialarbeit von unten hilfreiche Inputs geben (im Gegensatz zu einem Lüssi o. ähnlichem). Hier nun der Versuch einer Buchrezension:
Diese Theorie hat einen konstruktivistischen Ansatz, was bedeutet, dass sie sich von der Kritik an der vorherrschenden Sozialarbeit ableitet. So beschreibt Karam Khella [1], dass die vorherrschende Sozialarbeit [2] Defizite der gesellschaftlichen Infrastruktur, die durch eine Überkapitalisierung des privatwirtschaftlichen Sektors und durch eine Unterkapitalisierung des öffentlichen Sektors entstanden, ausgleicht und somit die Widersprüche in der Gesellschaft verdeckt. Hier spricht er unter anderem Widersprüche zwischen gesellschaftlichem Reichtum und individueller Kapitalbindung oder des weiteren zwischen verbürgter Chancengleichheit und praktizierter Ungleichheit an.

Der Sozialarbeiter gleicht individuell die Mängel, Widersprüche und Ungerechtigkeiten des sozialen Systems aus, die dieses aufgrund seiner Klassenstruktur kollektiv schafft. [3]

SozialarbeiterInnen handeln wie Vertreter anderer staatlicher Institutionen und wachen über die Einhaltung von offiziellen Normen. Wer die Regeln befolgt, so Khella, wird belohnt. Somit fördere Sozialarbeit gesellschaftliches Wohlverhalten und nicht Wohlbefinden.
Durch individualistische Lösungsmuster ignoriert die Sozialarbeit die systembedingten Missstände und verhindert somit die Solidarisierung der KlientInnen und deren kollektive Aufklärung und Aktion.
Keine Veränderung des Systems, sondern eine Anpassung an die bestehenden Gesellschaftsstrukturen abweichender KlientInnen ist beabsichtigt. [4]

Sozialarbeit ist die kodifizierte Angst des bestehenden Systems vor seiner Veränderung [5].

organize.jpg

Doch Khella lehnt Sozialarbeit an sich nicht ab, sondern sieht in seiner Theorie der Sozialarbeit von unten eine Alternative zu der vorherrschenden Form [6]. In einem permanenten Prozess von Erkennen und Handeln soll eine kollektive Mobilisierung der KlientInnen bezüglich ihrer eigenen Interessen erreicht werden. Khella hat ein Zehn-Phasen-Programm entwickelt, bei dessen Umsetzung sowohl SozialarbeiterInnen als auch KlientInnen sich einbringen und mitentscheiden müssen.

In der Sensibilisierungsphase sollen sich die Betroffenen ihrer Situation bewusst werden. Das „Problem“ und die eigenen Interessen sollen erkannt werden, ebenso die Notwendigkeit für die eigenen Interessen einzutreten. Dies soll in Form von Gesprächen stattfinden; an dem Ort, wo die Betroffenen anzutreffen sind.

In der Phase der Kollektivierung ist durch die Schaffung gemeinschaftlicher Beziehungen unter den Betroffenen, die Überwindung der Entsolidarisierung und die Einsicht in die Vorteile der Bildung einer tragfähigen Gemeinschaft, die zur Durchführung eigener Interessen in der Lage ist, vorgesehen.

Die Phase der Aktion ist gekennzeichnet durch eine gezielte Handlung. Sie ist auf die Durchsetzung der Interessen der Betroffenen ausgerichtet. Die soziale Aktion ist Ausdruck einer gesellschaftlich bewussten Gruppe. Ihr geht die Aktivierung, die Belebung einer gesellschaftlich bisher inaktiven sozialen Gruppe, voraus.

Danach folgt die Reflexion. Im Hinblick auf ein weiteres Vorgehen werden die praktischen Erfahrungen besprochen und ausgewertet. Im Falle eines Misserfolgs sollen die AktionsteilnehmerInnen lernen, mit Frustration umzugehen.

Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, geht die Gruppe in die Phase der Mobilisierung über. Was in Bewegung gesetzt wird (zum Beispiel Verhandlungen durch eine Delegation), ergibt sich aus den Diskussionen der vorhergehenden Phase.

In der Phase der Orientierung folgt wiederum eine theoretische Einschätzung der vorherigen Phase. Die SozialarbeiterInnen beginnen sich langsam von der Gruppe zu lösen.

Die Phasen der Aktivierung bis hin zur Orientierung wiederholen sich so lange bis ein Übergang zur nächsten Phase genügend vorbereitet ist.

Die Wiedereingliederung hat die Herstellung tragfähiger sozialer Beziehungen zum Ziel. Sind diese erreicht, befreien sich die KlientInnen von der Institution „Sozialarbeit“.

Dann kommt die Phase der Qualifikation. In diesem Abschnitt sollen Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung, welche eine (neuerliche) Arbeitsaufnahme oder eine Verbesserung im Arbeitsleben erwirken sollen, getroffen werden. Weiters sind politische und sozialrechtliche Schulungen vorgesehen, die, laut Khella, über Gewerkschaften organisiert werden könnten.

Die Organisierung geht über den Rahmen der Sozialarbeit hinaus und ist mehr mit einer politischen Bewegung vergleichbar. Den SozialarbeiterInnen kommt dabei die Aufgabe zu, den Betroffenen den Weg dorthin zu ebnen.

In der letzten Phase, der Veränderung, setzt die selbständig organisierte Gruppe – nun theoretisch und praktisch ausgebildet und vorbereitet – Aktivitäten zur Erreichung ihrer gemeinsamen Ziele.

[1] vgl. Khella, Karam: Sozialarbeit von unten: Praktische Methoden fortschrittlicher Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Hamburg: Theorie und Praxis. 1982.
[2] Khella bezeichnet sie als Sozialarbeit von oben.
[3] s. Khella 1982, S. 22.
[4] vgl. ebda., S. 22 ff.
[5] s. ebda., S. 23
.
[6] vgl. ebda., S. 29 ff.

9 Antworten zu “Das alternative Modell der „Sozialarbeit von unten“

  1. Also gerade „Verhandlungen“ „Wiedereingliederung“ und vor allem „Berufliche Qualifikation“ sind ja keine besonders libertären Dinge. Insofern verstehe ich nicht ganz, was solch eine mehr oder weniger unkommentierte Rezension auf einer anarchosyndikalistischen Seite zu suchen hat.

    Es klingt schon so, als ob das Buch/die Theorie einige fortschrittliche Ansätze hat, aber die Selbstorganisation alleine kennen wir ja auch schon im postfordistischen Produktionsprozess. Insofern sollte zumindestens Stellung „Gegen die Arbeit“ von unserer Seite bezogen werden, wenn wir solche Informationen veröffentlichen.

  2. richtig erkannt, es handelt sich hierbei um keine libertäre sondern um eine marxistische interpretation von sozialer arbeit.

    da dieses, mittlerweile doch schon recht alte buch, für die heutige soziale arbeit immer noch fortschrittliches zu bieten hat – da sind wir uns ja einig – hab ich´s am blog gestellt. ich denk, dass die leut sich schon das rausnehmen werden, was sie wollen/brauchen. diskussionen sind da nur wünschenswert.

    eine stellungnahme gegen arbeit kannst du von mir gerne haben (wenn du mir verratest was ein “postfordistischer produktionsprozess” ist – sonst natürlich auch😉

  3. Zum Postfordismus: Hängematte lesen bildet😉, da war mal ein guter Artikel drinnen dazu ( in der Nr. 2 war´s glaub ich). Vorerst ist der Wikipediaartikel ganz o.k. http://de.wikipedia.org/wiki/Postfordismus

    Speziell gemeint hab´ ich die Arbeitsorganisation in kleinen „autonomen Gruppen“ die sich dann selbst im kapitalistischem Sinne kontrollieren/beeinflußen. Weiters die Enthirarchisierung, Entbürokratisierung und Dezentralisierung im Produktionsprozess, die dann dem Kapital zu neuen Höhenflügen verhilft.

    Ein erstes ganz simples Beispiel ist die Organisation in kleinen Gruppen (z.B. in riesen Konzernen) die dann gegeneinander ausgespielt werden können, da sie ja alle so hinter ihrer Sache ihrem Projekt stehen (Teamfähigkeit!) z. B. bei Telekomkonzernen. Ein Anderes Beispiel wäre den Pausenraum in der Mitte der Produktionshalle so anzulegen, daß Dir alle Arbeitenden beim Pause machen zusehen – unser Genosse von der Post kann da aus dem Nähkästchen plaudern.

    Und hier ist mit „beruflicher Integration“, Wiedereingliederung trotz Rückzug der Sozialarbeit usw. ähnliches gegeben. Die DeliquentInnen ähm KlientInnen sollen selbst dazu gebracht werden, sich wiederspruchslos an die Gesellschaft anzupassen. Das wird ja auch mal eine ökonomische Frage des Kapitals werden . Also wenn wir im Endeffekt brav weiterarbeiten, und uns sogar selbst be-sozialarbeiten solls den Herrschenden sicher recht sein in Zukunft, …

    Nicht falsch verstehen, die Ansätze sind tatsächlich tw. fortschrittlich, da sind wir uns wirklich einig. Aber reine Kollektivierung, mit nachfolgender wirtschaftlicher Aktivierung und Orientierung wie Khella vorschlägt, wird uns soviel weiterbringen wie eine Rot/Grüne Regierung😉

    Und schließlich wollen wir ja alle Lohnarbeit, den Kapitalismus, alle Staaten und jegliche Herrschaft abschaffen!

    So, und jetzt bitte die offizielle Stellungnahme gegen die Lohnarbeit – am besten von der ganzen LISA😉

  4. hallo arbeiter,

    ließ doch den gesamten blog durch, mann. von wegen distanzierung zur lohnarbeit (-;
    oder nein, es reicht, wenn du nur die statuten unserer föderation ließt. aber die kennst eh, hoffentlich (-;

    lg

  5. arbeiter von wien

    Klar kenn ich die Statuten, aber das wird nicht bei Allen die diese Seite lesen so sein😉

    Wie siehts denn mit einer anarchosyndikalistischen Broschüre zur Sozialarbeit aus? Da könnten dann einerseits die reformistischen Ideen wie in diesem Buch rein, die jedoch von libertärer Seite weiterentwickelt wurden. So quasi als „Erste Hilfe solangs noch Kapitalismus gibt“. Und dann könnte eine Perspektive zum herrschaftsfreien Kommunismus beschrieben werden und Ansätze was Sozialarbeit dann sei würde.

  6. du verlangst viel, ist aber eine gute idee. werden das im auge behalten…

  7. „Weiters die Enthirarchisierung, Entbürokratisierung und Dezentralisierung im Produktionsprozess, die dann dem Kapital zu neuen Höhenflügen verhilft.“

    ein klassisches beispiel dafür, dass die soziale arbeit halt ein bisserl anders läuft als andere arbeitsbereiche. bei uns gibts haufenweise hierarchien, die aber quasi „nicht ernst genommen“ werden… mit dem/der einrichtungsleiterIn bist per du, dem scheißt bspw. der/die sekretärIn vom gesamtverein wieder rein, der/die eigentlich mithacklerIn (also eigentl. basis) sein sollte, aber machmal halt auch chefvertreterIn macht usw. usf.
    es ist halt etwas diffuser als in einem wirtschaftsbetrieb. ich glaub das wär vielleicht ein ansatzpunkt, dass wir von unseren chefInnen halt auch einfordern, dass sie solche sind und nicht mitarbeiterInnen und kollegInnen und hawara. und was wir mit unseren kollegInnen machen, die unsere stundenlisten kontrollieren müssma sich noch überlegen. glaub da wird’s dauern mit der bewusstseinsbildung…
    – – –
    broschüre wäre interessant, wie so vieles… wenn nur die zeit dafür da wäre. so ein workshop zum thema „wie verschwindet die sozialarbeit?“ wäre sicher spannend. mir persönlich ist nämlich nicht ganz klar wie sie das tun könnte (mit tatkräftiger unterstützung unsererseits versteht sich) und was an „sozialarbeit“ wir in welcher form auch in einer libertär organisierten gesellschaft brauchbar bzw. notwendig wäre.

  8. Nun eigentlich sollte sich die Sozialarbeit selbst abschaffen. Per Dekret gehts net, weil das wär nicht libertär. Verschwinden tut so schnell nichts, das hat der alte Lenin vom Staat auch gedacht, dass er das tun würde. Was dabei herausgekommen ist, verursacht mitunter heute noch Zahnweh.
    Es geht darum, dass es in einer klassenlosen Gesellschaft kein Oben und Unten gibt, zwischen denen es zu vermitteln gilt. Die Räte würden die Koordinierung zwischen dem was gebraucht und dem was produziert wird, übernehmen. JedeR ist Teil eines Rates. Also wozu Sozialarbeit?
    So die Theorie.
    Fakt ist aber, dass das alles nicht von heute auf morgen gehen wird und es immer Leute gibt, die mit einer neuen Situation besser umgehen können, als andere. Sprich: Wenn es mal in der (nicht allzu fernen (-;) freien Gesellschaft, darum geht jemanden dabei zu helfen, herauszufinden, welcher Rat oder welches Kommitee die Verteilung von pinken Telefonen übernimmt, wer würde sich besser dazu eignen, als SozialarbeiterInnen? Ganz zu Schweigen beim Zugang zu medizinischer versorgung und Bildung. Am Ende des Prozesses steht natürlich der freie Mensch in der freien Gesellschaft… soweit meine spontanen Gedanken dazu (ist aber nichts ausgereiftes).

    lg

  9. P.S.: das alles wahrscheinlich nicht unter dem Titel SozialARBEIT, da die Lohnarbeit dann ja abgeschafft ist…hoffe ich

    (mann o, noch immer keine „offizielle Stellungnahme“ ((-;)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s