Brasilien: Sozialarbeit und Klassenkampf! Was können wir für unsere Breiten daraus lernen?

Während meines Auslandsstudienjahres an der „Universidade Federal do Rio de Janeiro“ genauer an der der „Escola de Serviço Social“ überraschte mich die progressive Ausrichtung des Studiengangs und ich begann darüber zu grübeln was wir uns in Österreich von diesen Ideen abschauen könnten. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss zur Sozialarbeit in Brasilien möchte ich dies hiermit tun.

In Brasilien entsteht die Sozialarbeit in den 30´ger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie in vielen Ländern ist die Sozialarbeit auch in Brasilien eine Antwort der herrschenden Klasse auf ein wachsendes und sich vermehrt organisierendes Industrieproletariat. Unter der Diktatur des Präsidenten Vargas wird in diesem Zeitraum versucht einen nationalen Industriepark zu errichten um nicht von Importen abhängig zu sein. Vargas ist der Repräsentant eines an die Macht gekommenen Industriekapitals, das sich ab der Weltwirtschaftskrise 1929 gegenüber den Kaffebaronen als dominante Klasse konstituiert. Als Repräsentant dieses neuen Bürgertums ist Vargas bekannt für seinen harten Kurs gegenüber Gewerkschaften und Organisationen des Proletariats im Allgemeinen.

Die Aufgabe der Sozialarbeit ist es in diesem Zeitraum Mängel von Individuen zu beheben und destrukturierte Familien zu „strukturieren“. Geprägt ist der Berufsstand von christlichen Wertvorstellungen, die keine gegensätzlichen Interessen zwischen Arbeiterklasse und Bürgertum sehen, sondern die soziale Frage als natürlich oder Gottgewollt sehen. Die soziale Arbeit verteilt Almosen und es sind keine Rechte für die Betroffenen (KlientInnen) vorgesehen. Der enstehende Berufsstand ist eine Berufsstand der Frauen, denen das Pflegen (diesen Wertvorstellungen nach) mehr liegen sollte. Weitere Merkmale sind der karitative bzw. voluntäre Charakter, wie die Betonung der christlichen Berufung. In den „códigos de ética“ (Ethikkodex der Profession) der Jahre 1947, 1965 und 1975 lassen sich diese ähnlichen Merkmale und Wertvorstellungen finden.

Die soziale Arbeit ensteht also im Spannungsfeld des Klassenkampfes zwischen einem erstarkten Bürgertum industrieller Prägung und einer sich stetig organisierenden Arbeiterklasse. Bis zum Ende der Militärdiktatur Ende der 70´ger Jahre (die 1964 begannn) ist die soziale Arbeit in Brasilien jedoch ein Instrument der herrschenden Klasse um die soziale Frage zu entschärfen. Mit dem Ende der Militärdiktatur kommt es in den 80´ger Jahren zu einer „Demokratisierung der Gesellschaft“, zur sogenannten „abertura“ (Öffnung). Soziale Bewegungen (wie die Landlosenbewegung MST), Gewerkschaften und linke Parteien bzw. Organisationen können sich wieder öffentlich organisieren.

In diesem Zeitraum halten auch neue Ideen Einzug ins Feld der sozialen Arbeit. Ab Beginn der 80´ger Jahre kommt es verstärkt zu einer marxistischen Orientierung der Sozialarbeit in Brasilien. Die soziale Arbeit positioniert sich in der sozialen Frage und im Klassenkampf klar auf Seiten des Proletariats. Als Berufsstand von Lohnabhängigen positioniert sich dieser auch eindeutig als Teil der Arbeiterklasse. In den „códigos de ética“ von 1986 bzw. 1993 finden sich diese Ideale wieder und es kommt zu einem Bruch mit der traditionell konservativen Ideologie. Die Disziplin sieht sich nicht mehr als Neutral, sondern als Teil des Klassenkampfes und schreibt sich auch eine politische Aufgabe zu („projeto ético político“). Die Rechte der Betroffenen (KlientInnen) werden festgehalten, die soziale Arbeit positioniert sich auf Seiten der Betroffenen um die Machtverhältnisse zu verändern. Zentrale Charakteristika dieser neuen Orientierung sind weiters die Freiheit, die Demokratie, Staatsbürgerrechte, soziale Rechte und Menschenrechte. Es existiert also eine Perpektive für den alltäglichen Klassenkampf, darüber hinaus wird aber auch die Überwindung der Klassengesellschaft angestrebt.

Während wir in Österreich immer noch über doppelte und dreifache Mandate schwafeln (Beispielsweise auf Wiener Ebene: Interessen der KlientInnen, der NGO`s und des FSW vereinbaren) positioniert sich die Sozialarbeit hier eindeutig als Teil der Arbeiterklasse. Zumindest theoretisch wird der Spielraum nach links geöffnet und der Klassenkampf als Realität gesehen. Die Klasse die die Produktionsmittel besitzt, die Arbeitenden ausbeutet und diese weltweit in einen Kampf ums Überleben stürtzt kann ja auch kaum dieselben Interessen haben wie eben diese Arbeiterklasse. Das wird einem in einer brasilianischen Realität wieder bewusster, wo internationale Konzerne auf ihrer zombiartigen Suche noch billigen Rohstoffen und billiger Arbeitskraft in Kombination mit einer schmalen lokalen Elite die Bevölkerungsmehrheit verarmen und verelenden lassen. Kapitalismus live und brutal, eine Gesellschaftssystem wie es weniger nachhaltig schwer möglich ist..

In unseren Breiten ist es zwar ein intelektueller Fehltritt von Arbeiterklasse und Klassenlampf zu reden, da das ja historische Begriffe sind. Weit weg, wie in Brasilien, haben diese vielleicht noch Relevanz, da die Menschen dort ja arm sind, aber so fern dieser Realität sind wir mit unserem scheintoten Wohlfahrtsstaat (der zum Abschied leise – und immer lauter – servus sagt) auch nicht mehr. Abschauen können wir uns also jede Menge von der kritischen Ausrichtung der Disziplin der Sozialarbeit in Brasilien. Es ist wichtig die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen der sozialen Arbeit zu kennen und es wäre, meiner Meinung nach, auch wichtig sich als Disziplin genauer zu positionieren und zwar auf Seiten der Arbeiterklasse. Bei uns geht es jedoch immer mehr darum zu magagen und der allmächtigen Betriebswirtschaft zu huldigen, denn unsere Gesellschafft ist halt so kompliziert und da muss man schon „sozialpartnerschaftlich“ abwägen etc.

Es wäre zwar schön, wenn dieser Artikel ein Beitrag zu einer kritischeren oder mehr am Klassenkampf orientierten Disziplin in Österreich beitragen könnte, jedoch etwas realitätsfern dies auch nur zu erhoffen. Vielleicht ist es also mehr ein sozialisieren einer anderen Geschichte der Sozialarbeit in Brasilien und einiger Gedanken dazu. Es zeigt auf jeden Fall, dass auch soziale Arbeit sozialrevolutinäre Züge haben kann und könnte.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s