Gastkommentar zum bürokratischen Irrwitz im Hefen

Gedächtnisprotokoll: Besuch bei Gericht im Winter 2008

Im Rahmen meiner Betreuungstätigkeit als Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle, war es mein Ansinnen, zwei meiner Klienten in Haft (LG1) zu besuchen.

Da (so lehrte mich meine 10 jährige Erfahrung) ein solcher Besuch mitunter einen beinahe unmöglich zu bewältigenden bürokratischen Hürdenlauf darstellen kann (ja, in diesen Hallen hab ich wirklich schon viel erlebt….sic!) begann ich an diesem Tag bereits um 10:30 mit meiner telefonischen Recherche.

Da ich vermutete, dass die zu besuchenden Personen sich in U-Haft befinden, und ich lediglich die Namen, der für sie zuständigen Richter in Erfahrung bringen wollte, damit diese mir eine Besuchsbewilligung (Vorführzettel) für die Vernehmungszone ausstellen würden, rief ich, wie sonst auch, bei der Einlaufstelle des LG1 an. Dies begann ich um 10:30, da mir bewusst ist, dass der Parteienverkehr im LG1 um 12:00 endet.

Der dort anscheinend sehr beschäftigte Herr stellte mich sofort zur Aufnahmeabteilung durch, obwohl ich meinen Satz, in dem ich zu beschreiben versuchte, was mein Anliegen ist, gar nicht fertig sprechen konnte.

In der Aufnahmeabteilung sagte man mir, dass der von mir gesuchte Klient in Strafhaft sei. Demnach bräuchte ich ja gar keinen Vorführzettel. Nachdem ich dies bezweifelte, schaute der Herr am Computer noch mal genauer nach und kam zum Schluss, dass der Klient doch in U-Haft ist. Er habe da eine ST Nummer. Daher sei die Einlaufstelle der Staatsanwaltschaft zuständig.

Ich rufe dort wieder an, erwische einen sehr bemühten Herren, der mir wieder was von einer Strafhaft erzählt, und mich mit einer HR Nummer konfrontiert. Demnach sei Dr. Schuldig zuständig.

Dieser ist nicht erreichbar. Seine Vertretung Dr. Freispruch erklärt mir sehr freundlich, dass die HRs seit 2.01.2008 keine Besuchsbewilligungen mehr ausstellen. Dafür sei die Staatsanwaltschaft zuständig.

Ich rufe beim zuständigen StA Dr. Gegendich an, aber der ist nicht da. Von seinem Sekretariat werde ich an seine Vertreterin, Mag. Habanplan verwiesen. Diese stellt sich als äußerst hilfsbereit und kompetent dar (ein Lichtblick in den bis dahin ca. 6-8 Telefonaten), ist beinahe schon dabei mir den Zettel vorzubereiten, als sie plötzlich eine HV Nummer findet! Zuständig sei demnach Dr. Sitzlang.

Dieser ist nicht erreichbar. Ich werde in seine Kanzlei verbunden, dort sagt man mir, er sei hierher unterwegs, allerdings dann nur bis 12:00 im Zimmer. Nachdem es zu dem Zeitpunkt bereits 11:10 (!!) ist und ich ja noch bzgl. eines weiteren Klienten agieren möchte, beschließe ich, weiteres vor Ort zu klären (schließlich ist um 12:00 Parteienverkehrschluß).

Um die benötigten Informationen über die Richterzuständigkeit des 2. Klienten zu erhalten telefoniere ich wieder mit der Einlaufstelle, die mir bestätigt, dass sich der Herr in U-Haft befindet. Nach einigem hin und her (ca. 3 Telefonate), ST, HR und HV Nummern, erfahre ich, dass Frau Mag. Lebenslang zuständig ist.

Es ist 11:20, ich schwinge mich auf mein Fahrrad und bin um 11:30 im LG1.

Dank meines Dienstausweises werde ich bei der Personenkontrolle nicht lange aufgehalten und bin erleichtert zu erfahren (von den sehr freundlichen group4 Damen am Eingang, da sich niemand in der Rezeption befindet), dass alle von mir gesuchten RicherInnen im 3. Stock sind. (Erfahrungsgemäss kann es einem sehr viel Zeit kosten zwischen den Stockwerken und Kanzleien herumzulaufen…)

Im 3. Stock angelangt, peile ich zunächst das Zimmer von Dr. Sitzlang an, seine Tür ist versperrt.

In seiner Kanzlei verweist man mich an seine Vertretung. Da diese nicht da ist und auch dessen Vertretung nicht, laufe ich beinahe zurück zur Kanzlei (0815). Die wirklich sehr nette Dame schaut sich die Akte des Klienten an und sagt mir, nachdem sie seine Akte einsieht, dass dieser bereits enthaftet worden sei (!!). Ich bin fassungslos und sage ihr, dass das nicht sein kann. Nach kurzer Recherche findet sie doch heraus dass er da ist.

Da ich schon kurz vorm Nerven wegwerfen bin und dies anscheinend auch vermittle, stellt mir letztlich die Dame in der Kanzlei netterweise eine Besuchsbewilligung aus.

Ich bin mittlerweile schweißgebadet, da ich von einem Zimmer zum nächsten laufen muß (von einer Vertretung zur nächsten), jedoch glücklich, dass ich den Zettel noch vor 12h bekommen habe!

Mittlerweile ist es 10 vor 12. Ich eile zum Zimmer von Frau Mag. Lebenslang. Geschlossen.

In ihrer Kanzlei (4711) verweist man mich an Dr. Gnade. Weiter zu seinem Zimmer. Ebenfalls geschlossen. Zurück zur Kanzlei. Weiter zum Zimmer von Dr. Keine. Geschlossen.

Ich kommuniziere der Dame in der Kanzlei, dass ich kurz vorm Ende meiner Frustrationstoleranz bin und sie schickte mich zur darübergestellten und demnach zuständigen Frau Dr. mit Pelzmantel im Zimmer 0001a.

Diese sagt mir, dass sie über keine Kopien, der von mir begehrten Bewilligung verfügt und schickt mich zurück auf Zimmer 4711. Ich bitte sie um ihr Gehör und schildere ihr in aller Kürze (es ist noch immer vor 12h) mein heutiges Bürokratiedrama.

Ich eile zurück zur Kanzlei. Dort erklärt mir die Mitarbeiterin, dass sie ebenfalls über keine Zettel verfügt. Ich pack’s gar nicht mehr. Sie verweist mich an Dr. Gnade. Dieser ist dann doch da! Es ist 2 min vor 12. Er stellt mir freundlicherweise den Schein aus, hört sich noch kurz mein Gejammer an und ich laufe zurück zur Kanzlei 4711.

Es ist 1 nach 12, die Dame kommt mir schon sehr bemüht am Gang entgegen (sie hat zuvor mit Dr. mit Pelzmantel gesprochen) und stempelt den Schein ab.

Jubeltrubel!

Sie bittet mich dann, noch einmal zur Pelzmantel Richterin zu gehen. Das tue ich auch.

Diese geleitet mich zu einer Kanzlei, deren Titel ich in meinem Freudenrausch, ob meiner zwischendurch schon stark bezweifelten, und doch hingekriegten Erlangung der begehrten Vorführzettel, meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Dr. Pelzmantel diktierte dann, im groben meinen Ausführungen folgend, einen Aktenvermerk, welchen ich dann unterzeichnet habe.

Um 12:30 war ich dann schließlich im Halbgesperre. In der Hoffnung, dass nun alle Zettel richtig ausgefüllt sind (in der Vergangenheit wurde ich wegen fehlender Nummern oder falschen Zettelbezeichnungen schon mehrmals weggeschickt) überreichte ich der Justizbeamtin eben selbige. Zu meiner großen Erleichterung passte alles.

Hinter der Beamtin las ich sodann folgenden, an der Wand aufgehängten, Spruch: „Diskutiere nie mit Vollidioten, denn sie ziehen dich runter auf ihr Niveau und schlagen dich dort mit Erfahrung.“

Auf meine Anfrage hin wurde mir eine 45 minütige Wartezeit prognostiziert.

Um 13:15 konnte ich den ersten meiner Klienten sprechen, dann den zweiten.

Ich verlasse das Landesgericht für Strafsachen um 14:30. Unfassbar!

Ich habe 3 Stunden daran gearbeitet, dass ich dann für jeweils 35 Minuten mit meinen Klienten sprechen kann. Für diese Zeit werde ich selbstverständlich entlohnt.

Wenn ich dazu bedenke, mit wie vielen Menschen ich an diesem Tag telefonisch und persönlich gesprochen habe, d.h., bezahlte Arbeitszeit beansprucht habe, fehlt mir geradewegs das adäquate Vokabular um meiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen.drooker

Abschließend möchte ich anmerken, dass es durch die vielen Verwirrungen und zurückgelegten Wege in dieser Angelegenheit durchaus zu Verwechslungen diverser Zimmernummern gekommen sein könnte, d.h., ich mich evtl. vereinzelt auch geirrt haben könnte.

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