Interview mit einem Mitglied der GGB-Hannover

GGB HannoverDas ABC der GGB: Worauf es ankommt

Frank, Du bist Krankenpfleger und arbeitest in einer teilprivatisierten Klinik. Warum hast Du Dich in der Gewerkschaft Gesundheitsberufe Hannover (GGB) organisiert und nicht in einer anderen Gewerkschaft, etwa der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di?

Das ist eine längere Geschichte. Früher war ich in der ÖTV, einem der Vorläufer von ver.di. Etwa ein Jahr nach ihrem Zusammenschluss mit anderen zu ver.di bin ich dann ausgetreten. In den ca. drei Jahren habe ich immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass das nichts mit dem zu tun hat, was ich mir immer unter aktiver Gewerkschaftsarbeit vorgestellt habe.

Welche Vorstellungen verbindest Du denn mit „Gewerkschaft“?

Na ja, eine Gewerkschaft sollte meiner Meinung nach im Betriebsalltag präsent sein. Wenn ich mich organisiere, mache ich das, weil ich denke, dass sich nur gemeinsam etwas an den Bedingungen verändern lässt, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind. Und dass muss am Arbeitsplatz selbst geschehen, das muss von den Betroffenen kommen.

Und das war in Deiner Zeit bei der ÖTV/ ver.di nicht so?

Nein, keineswegs. Ist es auch jetzt nicht, ich sehe das ja im Kollegenkreis. Es gibt sehr wenige Kolleginnen und Kollegen, die noch so was wie ein kämpferisches Bewusstsein haben, die sich nicht alles gefallen lassen. Die versuchen tatsächlich noch ihre Rechte durchzusetzen. Teilweise sind sie schon noch bei ver.di organisiert, zum Teil aber auch unorganisiert. Was letztere anbelangt, müsste es eigentlich immer häufiger heißen: nicht mehr organisiert, denn sie haben ihrer Gewerkschaft den Rücken gekehrt, so wie ich. Was mich am meisten stört: Wenn Probleme auftauchen, wird nicht wirklich darüber diskutiert. Jeder versucht, einen individuellen Umgang damit zu finden. Die Spanne reicht dabei von Anpassung bis Beschwerdeweg. Das höchste der Gefühle ist schon, dass sich die Kolleginnen und Kollegen bei Vorgesetzten beschweren, bestenfalls wird man noch an den Betriebsrat verwiesen. Der hat bzw. sieht aber meistens auch keine Handhabe. Einige wenige rufen auch mal direkt bei ihrer zuständigen Gewerkschaftssekretärin von ver.di an – mit dem gleichen Erfolg. Wenn Gewerkschaftsarbeit auf einer solchen Ebene stattfindet, hat das wenig mit meinen Vorstellungen davon zu tun.

Könnte es vielleicht daran liegen, dass es bei Euch vergleichsweise gut läuft und eigentlich nichts zum Meckern gibt? Oder wie siehst Du das?

Gewiss nicht! Alle sind am Schimpfen und Stöhnen, alle leiden unter dem zunehmenden Druck, der aus dem chronischen Personalmangel bei hohen Belegungszahlen resultiert. Eine Krankmeldung wird da schon zur Katastrophe. Durch den schleichenden Abbau von Personalstellen hat sich die Arbeitsdichte für jeden einzelnen von uns erhöht. Oft verrichten wir quasi die Arbeit, die vorher von zwei Leuten erledigt wurde. Und bekommen nicht mehr Geld dafür. Das ist eines der Probleme, das mit den üblichen Tarifverhandlungen nicht aufgefangen wird. Überstunden werden wie selbstverständlich am Betriebsrat vorbei geleistet, man bleibt hier mal länger und kommt dort mal früher, springt an einem anderen Tag noch ein, an dem man eigentlich frei gehabt hätte. Pausenzeiten werden kaum konsequent eingehalten. Eine Gewerkschaft muss sich diesem Problem stellen, und zwar kämpferisch, nicht in Bittstellerhaltung, in Appellen an die Politik oder die Arbeitgeber, wie es beispielsweise bei den Kampagnen von ver.di der Fall ist. Das ist zahnlos und bewirkt keine Veränderungen. Gewerkschaften wie ver.di meinen, es gehe allein ums Geld, die Wochenarbeitszeit oder ähnliche Dinge. Sie blenden dabei aus, dass wir real sowieso mehr Stunden arbeiten als auf dem Papier stehen. Wir haben nicht nur immer weniger Geld im Portemonnaie, sondern ruinieren unsere Gesundheit, müssen mit ansehen wie unsere Lebenszeit immer mehr verplant und auf die Bedürfnisse des Betriebes zugeschnitten werden.

Wenn Ihr alle unter den gleichen Bedingungen leidet, fördert das nicht den Zusammenhalt? Wie stehen die gewerkschaftlich Organisierten von ver.di dazu?

Ich kann nicht erkennen, dass die Gewerkschaftszugehörigkeit allein kollegiales Verhalten hervorbringt. Entweder die Leute bringen von Haus aus diese Eigenschaften mit oder eben nicht. Zusammenhalt aufgrund der Gewerkschaftszugehörigkeit keimt immer nur im Zuge von Tarifrunden auf, alle paar Jahre. Das macht mich schon stutzig. Denn eigentlich habe ich schon diesen Anspruch an gewerkschaftliche Organisierung: Meiner Meinung nach sollte sie Kollegialität, Zusammenhalt und Solidarität im Alltag befördern. So etwas lässt sich entwickeln. Es gibt natürlich Kolleginnen und Kollegen, bei denen man den Eindruck hat, dass ihre Umgangsformen auch etwas mit ihrer ver.di-Mitgliedschaft zu tun haben. Aber das sind die wenigsten.

Wo unterscheiden sich Deiner Meinung nach Gewerkschaften wie ver.di von der GGB?

Wo soll ich da anfangen? – Grundsätzlich, würde ich sagen, angefangen bei der Organisierung, über die Entscheidungsstrukturen bis hin zum Verständnis, was eine Gewerkschaft überhaupt bewegen soll. Ver.di tritt im Betrieb eigentlich nur in Erscheinung, wenn Tarifverhandlungen anstehen. Diese nutzt sie hauptsächlich als Mitgliederwerbungskampagne. Man soll ihre Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern stärken, indem man ihr beitritt. Ansonsten wird nichts von einem erwartet, wenn man mal vom Mitgliedsbeitrag und der Aufwertung ihrer zahlenmäßigen Stärke absieht. Das hat nichts mit aktiver Gewerkschaftsarbeit zu tun, mit dem Bestreben, etwas verändern zu wollen. Dazu müssten Betriebsgruppen aufgebaut werden, Mitglieder am Arbeitsplatz aktiv werden. Denn der Druck auf die Arbeitgeber muss aus den Betrieben selbst kommen. Er muss dort aufgebaut werden, wo es passiert. Aber ver.di verfügt selbst im bundesweiten Vergleich über extrem wenige aktive Betriebsgruppen. Meistens existieren sie auch nur dort, wo sich eine innergewerkschaftliche Opposition gebildet hat, die unzufrieden mit der ver.di-Strategie ist.

Offenbar läuft aber durchaus eine gewisse Mobilisierung in den Tarifrunden. Wie bewertest Du das, was ist da anders als sonst?

Unterm Strich nicht viel, ich habe es schon angedeutet. Kein Arbeitgeber lässt sich von Trillerpfeifen oder vom Fähnchengeschwenke auf Demonstrationen und Kundgebungen in der Freizeit beeindrucken. So wie diese Auseinandersetzungen derzeit geführt werden, könnten wir in diesem Aufzug ebenso gut auch ins Fußballstadion ziehen. Es juckt niemanden. Die unterdosiert stattfindenden Warnstreiks und Streiktage bauen keinen Druck auf. Den Beschäftigten wird lediglich das Gefühl vermittelt, aktiv zu sein. Wenn man aber etwas erreichen will, müssen Arbeitgeber an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen werden, muss es ihnen weh tun. Das hieße in diesem Falle unbefristeter Ausstand, nicht Scheingeplänkel zur Beruhigung der Beschäftigten und zur Produktion medialer Bilder. Auch noch so kämpferisch gehaltene Reden dürften Arbeitgeber schwerlich zum Einlenken bewegen. Sie sind Teil des Rituals, nichts weiter.

Wie ist Dein persönliches Verhältnis zum ver.di-Kollegenkreis?

Danke, dass Du diese Frage stellst. Uns wird ja immer unterstellt, dass wir uns mit unserer Kritik gegen Gewerkschaften wie ver.di stellen. Das stimmt aber so nicht. Wir trennen ganz klar zwischen dem Apparat, der Gewerkschaftsbürokratie auf der einen Seite und den Mitgliedern, unseren Kolleginnen und Kollegen. Selbst unter den Hauptamtlichen gibt es Leute, deren Engagement – immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten betrachtet – wir durchaus sehen und zu würdigen wissen. Das stellen wir gar nicht in Frage. In der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von ver.di im Betrieb gibt es überhaupt keine Probleme, im Gegenteil. Was bei ihnen und uns gleichermaßen zählt, ist das Engagement. Wie man sich einsetzt. Nicht nur für die eigenen Belange, sondern auch für andere und gemeinsame Interessen. Im Kollegenkreis sollten und müssen alle zusammenhalten, egal, wo und ob sie organisiert sind. Unsere eigentlichen Gegner sind die Arbeitgeber, das darf man nicht aus den Augen verlieren. Ich habe keinerlei Berührungsängste, was die anderen Gewerkschaften anbelangt. In Ländern wie Frankreich und Spanien arbeiten die betrieblichen Strukturen, die wie wir basisdemokratischen Gewerkschaften angehören, auch mit denen zusammen, die zu den zentralistischen Verbänden gehören. Das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Grade, also solange, wie die Beschäftigten gemeinsam an einem Strang ziehen können. Wenn sie gelassen werden, funktioniert das. Wo Differenzen im Arbeitskonflikt zwischen den Gewerkschaften selbst aufbrechen, müssen eben getrennte Wege beschritten werden.

Du hast von prinzipiellen Unterschieden gesprochen, nicht nur was die Organisationsweise, sondern auch die Entscheidungsstrukturen und die strategische Ausrichtung anbelangt. Was bedeutet das konkret?

Die GGB ist eine Selbstorganisierung, keine Gewerkschaft mit Delegation von Verantwortlichkeiten an hauptamtliche Funktionäre. Bei uns werden alle Entscheidungen von den Mitgliedern selbst in Vollversammlungen getroffen, nicht von einer Gewerkschaftsführung. Aufgaben werden in der GGB ehrenamtlich übernommen, Mitglieder in Verantwortlichkeiten und Funktionen gewählt, für die sie der Basis jederzeit rechenschaftspflichtig sind. Die Arbeit des Sekretariats ist transparent. Anders bei Gewerkschaften wie ver.di: Hauptamtliche werden in ihre Funktionen eingesetzt, die Vorstände treffen die Entscheidungen. Gewerkschaftsmitglieder und Funktionäre haben der Gewerkschaftslinie zu folgen, Beschlüsse werden nicht durch Diskussion und Abstimmung unter den einfachen Mitgliedern herbei geführt. Wir sind eine Basisgewerkschaft, ver.di eine zentralistische Gewerkschaft. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir nah an den Problemen dran sind, während Hauptamtliche zentralistischer Gewerkschaften Angestellte der Gewerkschaft sind und ihre Büros in den Gewerkschaftszentralen haben. Auch wenn Hauptamtliche früher einmal in der Branche gearbeitet haben, ist das etwas ganz anderes. Je weiter und je länger sich diese Distanz aufbaut, um so weniger berühren einen die Probleme in den Betrieben direkt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt viel Frust unter den Hauptamtlichen. Das sehe ich schon. Manche sind willens, etwas aufzubauen, scheitern aber an den Realitäten. Aus diesem Dilemma gibt es aber auch kein Entrinnen. Eine Gewerkschaft muss meiner Ansicht nach von unten aufgebaut werden. Sie muss im Betriebsalltag präsent sein. Hauptamtliche Funktionäre werden immer tendenziell als fremd erlebt werden. So wie Vorgesetzte. Wo soll eine andere Ebene auch herkommen, die sich allein aus der täglichen Zusammenarbeit ergibt? Das geht nicht von außen und oben. Aus all diesen Gründen sehen wir uns auch nicht als Konkurrenz zu Gewerkschaften wie ver.di, sondern als Alternative. Wir haben einen ganz anderen Ansatz.

Die Mitgliederzahlen der großen Gewerkschaften sind seit Jahren stetig im Sinkflug begriffen. Wen wollt Ihr also erreichen, wenn sich offenbar niemand mehr organisieren will?

Bei uns sind alle die willkommen, die sich für ihre Belange engagieren wollen. Das sind zum einen diejenigen, die Gewerkschaften wie ver.di längst den Rücken gekehrt haben, meistens aus ähnlichen Motiven wie einige von uns auch. Zum zweiten sind das Noch-Mitglieder, die unzufrieden mit den Strukturen und der Ausrichtung solcher Verbände sind, Leute, die nach einer Alternative suchen. Und zum dritten ist das die Gruppe der Unorganisierten. Zum Teil haben diese Kolleginnen und Kollegen bisher eine gewerkschaftliche Organisierung aus grundlegender Skepsis heraus abgelehnt, weil sie kein Vertrauen in die Strukturen zentralistischer Verbände haben, nicht glauben, dass sie tatsächlich Veränderungen herbei führen können. Einen anderen Teil bilden die, die bisher dachten, sich allein besser Durchwursteln zu können. Bis sie irgendwann selbst im Betrieb in Konflikte geraten. Wichtig ist uns nur, dass sie aktiv werden wollen, dass sie sich einbringen. Das unterscheidet uns wiederum von Gewerkschaften wie ver.di: Bei uns werden Eintritte nicht „anonym“ und passiv per zugesandtem Beitrittsformular vollzogen, sondern Mitglieder werden durch die Vollversammlung aufgenommen. Das ist schon vom Gefühl her ein anderes Ding, ein erster aktiver Schritt. Wir sind eine kämpferische Gewerkschaft und die lebt schließlich von der Aktivität ihrer Mitglieder. Leute, die in uns nur eine Rechtsberatungsstelle suchen oder eine Vertretung, die für sie die Kohlen aus dem Feuer holen soll, während sie selbst die Hände in den Schoß legen, sind dagegen bei uns falsch. Das gleiche gilt für diejenigen, die sich im Betrieb gegen die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen stellen, die sich auf der Arbeitgeberseite verorten. Gewerkschaften wie ver.di hat solche Mitglieder, bei uns wäre das ein Unding.

Warum orientieren sich dann Deiner Ansicht nach noch Leute an ver.di und kommen nicht gleich zu Euch?

Dafür sind wir noch zu unbekannt, uns gibt es erst seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren. Und aller Anfang ist schwer. Eine Gewerkschaft neu aufzubauen kostet viel Energie. Die Gründe, warum so viele noch abseits stehen, hat meiner Ansicht nach aber viele Ursachen, nicht nur den mangelnden Bekanntheitsgrad. Materialschlachten, wie sie die großen Gewerkschaften veranstalten, können wir weder finanziell aushalten noch halten wir sie für effektiv. Die beste Werbung sind wir selbst, wenn auch zunächst nur in den Betrieben, in denen wir mittlerweile überall vertreten sind. Das spricht sich rum. Ich sage immer, dass man Gewerkschaften an ihren Taten messen soll, nicht an dem, was sie vorgeben zu tun oder sein wollen. Unsere Vorzüge gegenüber den recht starren Strukturen großer Gewerkschaften liegen auf der Hand: Wir sind mobil, agil und flexibel. Wir haben ein großes Know-how, was Organisierung, was Aktionen und die Herstellung von Öffentlichkeit anbelangt. Wir bauen tatsächlich Druck auf. Diese Erfahrungen vermitteln wir an neue Mitglieder ebenso wie arbeitsrechtliche Grundlagen. Welche Gewerkschaft kann das ansonsten von sich behaupten? Wir legen keinen Wert auf das Machergehabe großer Gewerkschaften, wo einem die Flugblätter, ohne die Inhalte vorher abzustimmen, schon fertig gedruckt in die Hand gedrückt werden und man sich nur noch zum Fähnchenabholen anstellen muss. Bei denen sich Leute um alles kümmern, die dafür bezahlt werden. Bei der man für jede Rechtsauskunft erst den Gewerkschaftssekretär konsultieren muss, mit dem Erfolg, dass der sich auch erst in der Rechtsabteilung schlau machen muss. Wenn er überhaupt zu erreichen war…

Ihr erhebt Mitgliedsbeiträge wie andere Gewerkschaften auch. Gibt es da einen Unterschied?

Sicherlich, aber wir werben nicht über die Höhe der Beiträge neue Mitglieder. Andere machen das, etwa GeNi, die Gesundheitsgewerkschaft Niedersachsen, eine Fachgewerkschaft unter dem Dach der dbb-tarifunion. Sie ist in einigen Krankenhäusern in Niedersachsen vertreten. Ihre Beiträge liegen weit unter denen von ver.di. Allerdings auch die Streikgelder, die sie auszahlt, falls mal gestreikt wird und der dbb sich nicht nur an Streik-Demonstrationen beteiligt. Bei uns sind das ein Prozent vom Nettogehalt statt vom Brutto wie bei ver.di, wobei – das unterscheidet uns auch von allen anderen – die Verwendung für alle Mitglieder transparent ist.
Überhaupt wird die Tatsache, dass man nur Mitglied bei den großen Gewerkschaften ist, um Streikgeld und Rechtsschutz in Anspruch nehmen zu können, völlig überbewertet. Es ist das häufigste Argument, das mir seitens der unzufriedenen Mitglieder zu Ohren kommt. Jede Kollegin und jeder Kollege, die rechnen können, sollten sich einmal überlegen, an wie vielen Tagen sie in den letzten fünf oder zehn Jahren tatsächlich streiken durften und wie oft sie den Rechtsschutz in Anspruch genommen haben. Und es lohnt sich auf jeden Fall, mit denen zu sprechen, bei denen letzteres der Fall war. Vielleicht denken sie dann auch anders darüber. Es ist beispielsweise ein Unterschied, ob ich persönliche Rechtsberatung und anwaltliche Hilfe erhalte oder ob ich erst die Hürde nehmen muss, den Gewerkschaftssekretär davon zu überzeugen, dass das notwendig ist. Und dann eine Vollmacht zur Vertretung durch den DGB-Rechtsschutz unterschreibe, deren Anwältinnen oder Anwälte ich nicht zu Gesicht bekomme. Bei uns haben Mitglieder im übrigen auch Anspruch auf Unterstützung im Streik und auf Rechtshilfe.

Die GGB organisiert die Beschäftigten im Bereich Gesundheit und Soziales. Warum ist die GGB Mitglied in der FAU-Hannover?

Die FAU-Hannover ist eine Föderation, also ein Zusammenschluss lokaler Gewerkschaften. Die GGB ist keine berufsständische Organisation, sondern kämpft wie die anderen mit ihr verbundenen Gewerkschaften gegen derartige Spaltungslinien an. Gehen wir beispielsweise auf die Mikroebene Krankenhaus: Dort sind neben einer Vielzahl medizinischer und sozialer Berufe auch solche vertreten, die von Arbeitgebern und Gewerkschaften als peripher oder „nicht zum Kerngeschäft gehörend“ bezeichnet werden. Das sind Beschäftigte in der Küche, im handwerklichen Bereich, im Fahrdienst usw. Wir halten es für falsch, uns auf dieser Ebene spalten zu lassen. Alle Beschäftigten sollen sich organisieren, zum Beispiel als Krankenhausbetrieb, da wir die gleichen Interessen haben. Wenn diese Bereiche derzeit ausgelagert werden, regt sich kein Widerstand bei den anderen Berufsgruppen. Es trifft ja nicht sie. Dieser Fehlentwicklung stellen wir unser Modell von Solidarität gegenüber. Genauso halten wir es auf der Makroebene, im gesamtgesellschaftlichen Bereich. Deshalb sind wir Mitglied der FAU-Hannover.

Ihr seid als Lokalföderation mit den anderen Gewerkschaften auch auf kommunaler Ebene aktiv, nicht nur im betrieblichen Bereich. Dabei arbeitet Ihr oft mit linken Gruppen zusammen, beispielsweise im Bereich Antifaschismus und Antirassismus, staatlicher Repression und Datenüberwachung oder Antimilitarismus. Wenn man in der Geschichte zurückgeht, waren das früher zum Teil immer auch gewerkschaftliche Themen. Wie ist das, treten die Leute bei Euch ein, insofern sie in Berufen Eurer Branche arbeiten?

Das ist eines der größten Dilemma: Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass das so ist. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn das ist bisher gerade nicht die Gruppe, aus der neue Mitglieder zu uns kommen. Die undogmatische Linke hatte sich zum überwiegenden Teil spätestens in den 80er Jahren von der sozialen Frage völlig abgewandt und neue Betätigungsfelder in den Mittelpunkt ihres Interesses gestellt. Daraus sind viele sogenannte Einpunktbewegungen entstanden. Im Zuge der Antiglobalisierungsbewegung, spätestens aber mit Hartz IV und Agenda 2010 haben Teile der Linken die soziale Frage „wieder entdeckt“. Das ist insgesamt erfreulich. Im Endeffekt hat es aber eher dazu geführt, dass sie die Annäherung an die DGB-Gewerkschaften suchen. Wenn sie sich gewerkschaftlich organisieren, dann treten sie ver.di bei. Für mich ist das unverständlich. Sie begeben sich in Strukturen, die sie in ihren Gruppen mit emanzipatorischem Ansatz nie dulden würden. Die anderen Syndikate (Gewerkschaften) der Lokalföderation machen die gleiche Erfahrung. Ein Gradmesser, wie weit das Interesse an der eigenen Situation als lohnabhängig Beschäftigte tatsächlich geht und sich nicht nur in theoretischen Auseinandersetzungen darüber erschöpft, sind allein schon die Veranstaltungen, die wir als Lokalföderation zu aktuellen sozialen Kämpfen machen: Die Besucherzahlen betragen im Vergleich zu denen mit geschichtlichen Themen oder zu Kämpfen, die in Lateinamerika oder Asien stattfinden, gerade mal ein Drittel bis die Hälfte. Je weiter etwas weg- oder zurückliegt und je weniger es mit der eigenen Person zu tun hat, desto interessanter scheint es zu sein. Insgesamt ist das doch eine typisch deutsche Besonderheit: In anderen Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien, wo es das Einheitsgewerkschaftsprinzip a la DGB nicht gibt, haben Linke immer stärker an Bedeutung gewinnende Basisgewerkschaften aufgebaut. Ich glaube, da muss sich noch einiges im Denken ändern und bewegen, bis die Leute hier soweit sind. Es ist ein Jammertal! Auf Offenheit, Unvoreingenommenheit und Neugier treffen wir hingegen bei den Leuten, die diesen politischen Hintergrund nicht haben. Zu den einzelnen Gruppen, die das betrifft, hatte ich mich schon an anderer Stelle geäußert.

Wie steht ihr zu Tarifverträgen?

Es ist eine Möglichkeit, erkämpfte Ergebnisse abzusichern. Unsere Kritik richtet sich nicht gegen Tarifverträge an sich, wir streben sie genauso an wie andere Gewerkschaften. Allerdings haben wir nicht nur ein grundlegendes Problem mit der Art, wie Tarifauseinandersetzungen derzeit geführt werden, sondern auch mit den Laufzeiten, wie sie von Gewerkschaften wie ver.di ausgehandelt werden. Zwei bis drei Jahre sind ein Zeitraum, in dem viel passieren kann. Und wie die Erfahrung zeigt, wissen die Arbeitgeber die Friedenspflicht während der Vertragslaufzeit zu unseren Ungunsten zu nutzen. Im Falle, dass Regelungen unterlaufen werden, muss in den Verträgen verankert sein, dass sie gekündigt werden können. Und um mal eine Zielgröße zu nennen: Wenn wir das 100. Mitglied in einem Krankenhaus mit 600-800 Beschäftigten bei uns begrüßen können, werden wir dem betreffenden Arbeitgeber unsere Forderungen vorlegen. Bis dahin beteiligen wir uns weiterhin an den Tarifkämpfen der derzeit verhandlungsführenden Gewerkschaften wie ver.di. Wenn auch mit Zähneknirschen über den Streikbruch und die Verhandlungsergebnisse. In kleinen Einrichtungen, Altenpflegeheimen u.ä., müssen wir vielleicht nicht so lange warten. Unbenommen davon sind Arbeitskämpfe auf einer niederschwelligeren Ebene, also Alltagskonflikte, in die wir uns einklinken. Wir setzen nicht allein darauf, unsere Rechte zu kennen. Wir müssen an Stärke gewinnen, sehr viel mehr werden, um den nötigen Druck aufbauen zu können. Viele Kolleginnen und Kollegen machen täglich die Erfahrung, dass ihre Rechte zwar auf dem Papier stehen. Aber sie werden nicht einfach gewährt – sie müssen erkämpft werden!

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Simone F.

Quelle: http://www.fau.org/artikel/art_090921-160516

Eine Antwort zu “Interview mit einem Mitglied der GGB-Hannover

  1. Eine seit einigen Jahren in der Klinik in Dachau aktive Betriebsgruppe bekam im letzten Jahr durch die FAU Unterstützung in ihrem Kampf gegen die schlechten Arbeitsbedingungen. Mit Flugblättern, Aktionen, Veranstaltungen und einer Kundgebung gingen aktive Beschäftigte, Angehörige der Betriebsgruppe und FAU-GewerkschafterInnen gegen die Klinikleitung vor.

    Diese Entwicklung wurde von zwei Betriebsmilitanten aus den Amper Kliniken in einem Artikel mit der Überschrift „A new morning – changing weather“ auf der Titelseite der Oktoberausgabe 2007 der «Direkte Aktion München» (DAM) zusammengefasst. Seitdem ist ein Jahr vergangen. Es ist an der Zeit, einmal bei den beiden Aktiven, Madame Ascaso und Dr. Mandingo, nachzufragen, was sich im letzten Jahr in diesem Arbeitskonflikt alles getan hat.

    Tell it like it is – Interview mit zwei Militanten aus den Amper Kliniken in Dachau
    http://www.fau.org/syndikate/gesundheit/art_081108-122252

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