schwarzfahrerInnenversicherung

schwarzfahrer_innen_versicherung

Dieser Beitrag beleuchtet anhand eines bestehenden betrieblichen Projekts, wie ein Beispiel direkter Solidarität praktisch funktionieren kann. Es soll hier auf die Entstehung einer Versicherung und deren Funktionsweise eingegangen werden, als auch Platz für eine subjektiv gehaltene Reflexion sein. Zum Schutz der beteiligten Personen wird hier jedoch nicht näher auf den Verein eingegangen.

Anfang 2008 hatten ein sozialdemokratischer Betriebsrat und ein libertärer Basishackler die Idee konkretisiert eine SchwarzfahrerInnenversicherung zu gründen. Die Tatsache, daß vom Betrieb der Kauf einer Jahreskarte zu einem gewissen Prozentsatz gefördert worden wäre, stellte hierbei keine adäquate Alternative für die Beteiligten dar. Die Teamsitzung wurde genutzt, um den KollegInnen das Projekt vorzustellen und darauffolgend ging eine Unterschriftenliste die Runde, in die sich jeder und jede eintragen konnte um mitzumachen. Auf dieser Liste gab es zusätzlich noch die Möglichkeit zwischen zwei vorab entwickelten Modellen zu wählen. Der Unterschied bestand darin, daß das erste Modell die Geschädigten solange auszahlt, solange Kohle in der Kassa ist. Sollte also jemensch am Monatsende erwischt werden und wer anders hat vorher schon die Kassa geleert, so geht der / die zweite leer aus. Im zweiten Modell war vorgesehen, daß im Falle einer leeren Kasse, der fehlende Betrag solidarisch zu gleichen Teilen auf alle Mitversicherten aufgeteilt wird. Weiters gab es noch eine Spalte, um weitere Umänderungen anzuregen, die jedoch nicht genützt wurde.

Aus einem ca. 35-köpfigem Team SozialarbeiterInn, ÄrztInnen, Büro- & Reinigungskräften, Vertretungsdiensten und Zivildiener haben sich anfangs 5 Leute gemeldet, um das Experiment zu wagen. Alle fünf sprachen sich für das Solidarmodell aus. Anfangs gab es bedenken, daß das zu wenige Versicherte wären um kostendeckend zu sein. Es wurde jedoch beschlossen das Experiment zu wagen. Die Mitglieder setzen sich von da an aus SozialarbeiterInnen und Vertretungsdiensten, die von Anfang an gleich dazustießen, zusammen. Auch Zivis und eine Praktikantin sind immer wieder dabei; sie sind jedoch aufgrund der kurzen Verweildauer im Betrieb meist erst interessiert, wenn sie den Zivildienst hinter sich haben. Aus der Berufsgruppe der ÄrztInnen hat bis dato keinEr mitgemacht. Frauen und Männer sind ungefähr gleich viele dabei. Die Fluktuation ist aufgrund von zeitlich begrenzten Dienstverhältnissen und Kündigungen recht hoch, was der Versicherung bis jetzt jedoch nicht geschadet hat. Die Erwartung, daß die Versicherung linksalternative, antiautoritäre Kreise in der Arbeit anzieht, hat sich zwar bestätigt, jedoch hat sich das Projekt eben nicht nur auf diesen Personenkreis beschränkt sondern auch ausreichend Platz für KollegInnen geboten, die ansonsten weniger ideologisch veranlagt sind.

ich schütz´ dich, du schützt mich und der Staat, der kriegt uns nicht!

Seit Februar 2008 läuft nun das Projekt. Um für das jeweilige Monat versichert zu sein muß mensch 10€ einzahlen. Vorauszahlungen sind möglich, rückwirkende Einzahlungen natürlich nicht. Im Schadensfall bringt er/sie einfach die Rechnung und bekommt den gesamten Schaden ersetzt. Ob mensch im jeweiligen Monat dabei ist, entscheidet er/sie selbst. Es gibt keine Verpflichtung jeden Monat dabei zu sein, was sich für RadfahrerInnen als praktisch herausstellte. Diese benötigen die Versicherung nur im Winter.

Alles, was beschlossen wird, unterliegt einer basisdemokratischen Entscheidung. Alle können über alles, was sie in dem Projekt betrifft, mitbestimmen. Der Entschluß, basisdemokratisch zu entscheiden, brachte somit auch das Konsensprinzip ins Spiel. Was verkürzt bedeutet, daß versucht werden soll, Entscheidungen zu finden, mit denen alle können. Keine und keiner sollte durch eine Mehrheit, wie z.B. im geläufigen Demokratieverständnis, überfahren werden. Diese Herangehensweise brachte auch einmalig die Version eines Vetos hervor, als vorgeschlagen wurde die Versicherung auf das Schwarzparken auszuweiten. Ingesamt war es so, daß sobald die Sache am laufen war, recht selten Entscheidungen nötig waren.

Weiters wurde die Funktion der Kassa eingeführt. Nach dem Rotationsprinzip ist jedEr aufgerufen ein Monat diese Funktion zu übernehmen. Das beinhaltet die Führung eines Kassabuchs und einer Übergabe für den nächsten Monat. Die Idee dahinter ist, die notwendige Arbeit auf alle zu verteilen, aber auch die Menschen einzubinden und zu befähigen, selbsttätig und unabhängig den Laden zu Schupfen. Mit der Zeit hat sich auch eine gewisse Eigeninitiative herausentwickelt, in der die Versicherten transparent und vertrauenswürdig die Ein- und Auszahlung selbst durchführen können bzw. die Beiträge beschriftet und mit Datum der Kassa hinterlegen. Da in diesem Betrieb ein Radldienst ist, haben sich diese Dinge von ganz allein ergeben.

Transparenz ist auch in kleinen Gruppen wichtig. Hierbei war vorerst die Einführung eines Kassabuchs sehr hilfreich. Das Kassabuch ist für alle Versicherten jederzeit zugänglich. In diesem werden Einnahmen und Ausgaben notiert und am Ende des Monats wird der Stand erhoben. Durchschnittlich kann ich berichten, daß weder große Verluste noch hohe Gewinne gemacht werden. Im Schnitt geht es sich meistens aus, das Solidaritätsprinzip wird eher selten angewandt. In späterer Folge wurde versucht das Buch durch Tabellen zu ersetzten. Was sich durchsetzt wird sich noch zeigen und ist auch stark davon anhängig, wer die Funktion der Kassa ausübt. Die Anonymisierung der Mitglieder hat sich nicht durchgesetzt, nun werden eben nur die Vornamen notiert.

Transparent und fair ist es auch, daß mensch versucht alle, auch diejenigen die nicht so oft da sind, über alles zu informieren. Neben der üblichen zwischenmenschlichen Kommunikation im Betrieb, wurden die Beteiligten auch angehalten, ihre Mail-Adressen im Kassabuch zu notieren. In unregelmäßigen Abständen gibt’s dann immer wieder eine Mail. Von der anfänglichen Idee einen Ordner am PC in der Arbeit anzulegen oder das Geld im Safe des Betriebs zu verwahren sind wir recht schnell abgekommen.

billig, flexibel, selbstbestimmt, … was für eine Zwischenbilanz!

Die Befürchtung mit fünf Beteiligten zu klein zu sein, um größere Schadenssummen ausgleichen zu können, hat sich als falsch heraus gestellt. Nicht nur das, die schwarze Versicherung hat sich auch als billiger für die einzelnen herausgestellt als das betriebliche Angebot einer geförderten Jahreskarte. Es hat sich auch herausgestellt, daß dieser kleine Rahmen ein guter Schutz vor Bürokratien ist. Mit einem Kassabuch ist die Sache erledigt. Mehr ist bei einer Gruppe von durchschnittlich fünf Menschen nicht nötig. vertrauensschaffend ist’s natürlich auch, wenn die Leute sich kennen und über die Arbeit miteinander zu tun haben. Bei der doch recht hohen Fluktuation im Betrieb hat das Rotationssystem sehr dazu beigetragen, daß das Projekt seine Überlebensfähigkeit bewiesen hat, obwohl InitiatorInnen oder andere engagierte Menschen den Betrieb und die Versicherung verlassen haben. Auch wenn es ab und zu schwammig ist, wer nun die Kassa hat, wir das durch Eigeninitiative der Einzelnen ausgeglichen.

Gut ist, Bürokratien so klein wie möglich zu halten, um den Spaß an der Sache nicht zu verderben. In diesem Sinne sollte mensch sich auch immer überlegen, ob Verbesserungen wirklich nötig sind, oder eben auch gegenteilige Effekte haben können.

Schön war für mich zu beobachten, daß sich in gewisser Weise ein kontrollkritischer Geist etabliert hat, bei dem erfolgreiche direkte Schädigungsvermeidung hoch angesehen ist. Als großen Erfolg werte ich auch, daß sich die Versicherung nicht nur auf linke Kreise beschränkt. Das ist meines Erachtens auf die Bedürfnisorientierung des Projekts zurückzuführen, die im Vordergrund steht. Basisdemokratie, Rotationssystem, Konsensprinzip und andere tolle Sachen aus der libertären Mottenkiste sind als Handwerk für den zwischenmenschlichen Umgang sehr geeignet, solange sie nicht ideologisch, dogmatisch verlangt werden.

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weitere Infos:

Schwarzkapplerwarnungen -> hier & hier

derstandard.at:  Polizei muss Schwarzfahrer laufenlassen

4 Antworten zu “schwarzfahrerInnenversicherung

  1. Das ist eine sehr gute Initiative!
    Wie kann man teilnehmen?
    lg

  2. hallo clément
    bei dieser versicherung handelt es sich um eine betriebliche versicherung, die bewußt dort bleiben will. dadurch werden bürokratien und kontrollwünsche vermieden und funktionieren tut das ja klein auch.
    wenn du (oder wer anders) eine solche vers. haben willst, dann such dir 3 bis 4 leut, die du regelmäßig siehst (arbeit, verein, syndikat, …) und gründe eine.
    wir von der lisa stehen gerne mit rat & tat zur verfügung.
    lg

  3. Danke für die Antwort, habe ich jetzt verstanden. Ich werde mich damit beschäftigen.
    lg

  4. Die Kampagne „Nulltarif sofort!“ nimmt die erneute Preiserhöhung des „Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr“ am 1. Januar 2011 zum Anlass, um offensiv mit einer sozialrevolutionären Forderung, wie der Aufhebung des Warencharakters von Personennahverkehr in die Öffentlichkeit zu treten.

    Interview der FAU Düsseldorf:
    http://fau-duesseldorf.org/nachrichten/interview-mit-der-kampagne-nulltarif

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