Die Ausweitung des Scheiß-Streiks

Interview mit dem LISA-Syndikat über Prekarisierung im Sozial- und Gesundheitsbereich

LISA, eine anarcho-syndikalistische Initiative kämpft gegen Prekarisierung im Sozial- und Gesundheitsbereich. Anlässlich einer von LISA mitorganisierten Demonstration zu den laufenden Kollektivvertragsverhandlungen in dem Bereich stellte MALMOE ein paar Grundsatzfragen.

Seit wann gibt es euch, was sind eure Ziele, und wie organisieren sich Leute bei Euch?

LISA: Im Grund genommen haben wir zwei Anläufe benötigt, um die Libertäre Initiative Sozial Arbeitender (LISA) zu gründen. Nach einem gescheiterten Anlauf 2004 ging 2007 der Kern der „1. Generation“ mit neuen Mitgliedern strukturierter an die Sache heran. Seitdem haben wir eine funktionierende basisdemokratische Struktur erarbeitet, die wir laufend an unsere Bedürfnisse anpassen. Im November 2007 folgte die Gründung der Föderation der ArbeiterInnen-Syndikate (FAS), bei der sich Syndikate verschiedenster Branchen föderierten. 2009 wurde die FAS durch den Beitritt der Syndikalistischen Initiative (auch bekannt als Syndinit) bereichert.

Ein aktueller Arbeitskampf der LISA findet bei der Caritas statt. Deren selbstgerechte ManagerInnen sind momentan sauer, weil sie aufgrund unserer Intervention nicht in aller Ruhe Stellen im Asylbereich abbauen können. Bei solchen Konfrontationen ist es uns wichtig, dass die Betroffenen selbst über die Vorgehensweise entscheiden. Da die meisten Lohnabhängigen unserer Branche Angst vor Repressalien seitens der Chefs haben und es sich zweimal überlegen, ob sie Schritte einleiten wollen, bieten wir denen, die etwas machen wollen, einen geschützten Rahmen um sich selbstbestimmt für ihre Rechte einzusetzen.

Der Bereich der Pflege- und Versorgungsarbeit ist traditionell wenig sichtbar. In der aktuellen Krise jedoch waren die KindergärtnerInnen eine der ersten Gruppen, die lautstark protestiert haben (vgl. MALMOE 46), und nun meldet ihr euch mit einer Demonstration zu Wort. Wie ist das zu erklären? Was sind die spürbarsten aktuellen Veränderungen im Sozialbereich, die euren Unmut befördern?

LISA: Aktionen, wie Kindergartenaufstand und SOS Jugendwohlfahrt sind symptomatisch und eine Ausweitung ist unumgänglich. Kurz gefasst haben die Lohnabhängigen im gesamten Bereich mit Personalmangel, Unterbezahlung, hoher psychischer und teils physischer Belastung und Ressourcenstreichungen zu kämpfen. Teilzeit und befristete Arbeitsverhältnisse mehren sich. Der Personalmangel geht mittlerweile soweit, dass vielerorts Zivildiener, Volontäre und PraktikantInnen als SystemerhalterInnen herangezogen werden. Urlaube und Krankenstände werden zum organisatorischen Problem. Das kommt nicht von ungefähr. Von Seiten des Geldes (Politik, Kirchen, Vereine) wird versucht Bedingungen zu schaffen, unter denen die Beschäftigten für möglichst wenig Kosten möglichst viel Leistung erbringen. Verordnete Effizienzen verursachen jedoch meist nur mehr Bürokratien, da aus Kontrollgründen Leistung nunmehr quantitativ erhoben werden muss. Da besonders die großen Sozialkonzerne wachsen wollen, unterbieten sie sich bei Ausschreibungen mit möglichst kostengünstigen Konzepten, was sich nicht zuletzt auf unsere Vernetzungsarbeit und unsere Löhne negativ auswirkt. Eine halbwegs sinnvolle Arbeit mit den PatientInnen und KlientInnen ist oft nur mehr durch den Idealismus der Beschäftigten möglich. Solche Mechanismen führen zu der extrem hohen Burn Out-Rate in unserem Bereich. ‚Schlussendlich landest du als psychisches Wrack ohne Zukunft beim AMS. Nein, danke’,, so das Resümee eines LISA-Mitglieds.

Unsere Demo zum F13 (1) stand unter dem Motto ‚keine Budgetsanierung auf Kosten des Sozial- & Gesundheitsbereichs’ und hat versucht, eben diese Problematiken aufzuzeigen. Ein weiteres Ziel ist es, die verschiedenen Berufsgruppen unserer Branche zusammen zu bringen und dadurch Stärke und Gemeinschaft zu gewinnen, die wir im Rahmen der Krise noch brauchen werden.

In Deutschland gab es den „Scheiß-Streik“ (vgl. MALMOE 46). Wisst ihr was darüber, ist das ein Vorbild bzw. sind die Probleme dort dieselben?

LISA: Der Scheißstreik war ein Protest gegen die sprichwörtlich beschissenen Arbeitsbedingungen im Pflegebereich in Deutschland. Gefüllte Kotröhrchen wurden an die Verantwortlichen aus Betrieben, Wohlfahrtsverbänden und Politik versandt. Natürlich haben auch wir die Aktion aufmerksam verfolgt. Auch wenn eine Evaluation der anarchosyndikalistischen Zeitung Direkte Aktion (DA) vom Sommer 2009 aufgezeigt hat, dass abgesehen von einer recht großen Öffentlichkeitswirkung nicht viel Druck und Selbstorganisation erzeugt werden konnte, begrüßen wir solche Ansätze.

Die Bedingungen in Österreich sind ziemlich ähnlich. Die Überforderung der Lohnabhängigen und die Unterversorgung der Pflegebedürftigen gehen mittlerweile soweit, dass mensch von einem kollabierenden System sprechen kann. Die österreichische Besonderheit ist die Illegalisierung von Arbeitskräften mit meist nicht-österreichischen Staatsbürgerschaften.
Es gilt nun hierbei kreative Ansätze für direkte Aktionen zu entwickeln, die von den Betroffenen selbst erarbeitet wurden und die deren Problemlagen und Bedürfnissen entsprechen. Der Scheißstreik ist dabei einer der sehr kreativen Ansätze, von denen wir sicherlich noch mehr benötigen.

Anmerkungen

(1) Freitag, der Dreizehnte – Aktionstag gegen Prekarisierung, zuletzt am 13.11.2009

Quelle: MALMOE Nr.48 (HEISSER WINTER 2009) http://www.malmoe.org/artikel/verdienen/1952

Weitere Infos:

– zum Scheiß-Streik: Jenseits des Helfersyndroms, Direkte Aktion

– zur Pflgedebatte

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