Gisela Notz zu den Perspektiven Sozialer Arbeit

In ihrem Beitrag „Bürgerliche Sozialreform, Arbeiterbewegung und Soziale Arbeit“ macht die Historikerin Gisela Notz einige sehr aussagekräftige Anmerkungen zum Sinn heutiger und künftiger Sozialarbeit. Enthalten ist der Beitrag im Buch von Leonie Wagner (Hg.) „Soziale Arbeit und Soziale Bewegungen“, welches 2009 im „Verlag für Sozialwissenschaften“ erschien. Gisela Notz, bekannt für Studien zur Arbeiterbewegung, die auch für SyndikalistInnen von Interesse sind, spannt in ihrem Beitrag einen Bogen von der Entstehung der Arbeiterbewegung über Institutionen der Arbeiterhilfe (AWO, Rote Hilfe) und bürgerliche Reformpolitik, bürgerliche Sozialarbeit und Arbeiterbewegung hin zur heutigen Ausgangslage und zieht lesenswerte Schlußfolgerungen für aktuelle soziale Bewegung und soziale Arbeit. Sie gibt auf 30 Seiten einen kurzen und präzisen Überblick, und ich möchte Auszüge aus ihren Überlegungen zur heutigen Lage wiedergeben:

„Vorschläge von Seiten der PolitikerInnen gehen derzeit dahin, Teile der in das System staatlicher Sicherung einbezogenen Leistungen weiter zu privatisieren. Anhand der grundlegenden Strukturreform im Leistungsbereich des Sozialstaates zum 1.1.2005 wird ein gewandeltes Verständnis des Sozialstaates deutlich. Ansprüche auf Leistungen (Sozialgeld, Arbeitslosengeld II) bestehen in Abhängigkeit von der Bereitschaft der Berechtigten, alle zumutbaren Maßnahmen zur Abwendung der Bedürftigkeit zu unternehmen. Unter dem Schlagwort ‚vom Versorgungsstaat zum aktivierenden Staat’ werden unterschiedliche, sich aber wechselseitig ergänzende Prinzipien des Sozialstaates gegeneinander ausgespielt.

Bei den aktuellen Einsparungen im sozialen Bereich geht es darum, Kosten zu sparen und Wunden, die das kapitalistisch-patriarchale System geschlagen hat, billig zu heilen. Es geht nicht darum, gleichzeitig die Mißstände anzuprangern oder gar Handlungskonzepte zu deren Aufhebung zu entwickeln, was eigentlich die Aufgabe Sozialer Arbeit wäre. (…) Die im Rahmen der Bildungsreform der 1970er Jahre reformierte Sozialarbeiterausbildung und die politische Aufbruchstimmung führten zu einem neuen, beruflichen und politischen Selbstverständnis Sozialer Arbeit. Es entstand eine Form der Sozialarbeit, die nicht mehr ausschließlich auf Lücken im System hinweisen und diese schließen helfen, sondern das System selbst grundlegend verändern wollte. Kritisiert wurde vor allem die, das kapitalistischen System stabilisierenden Wirkung der Sozialen Arbeit als Anpassungsarbeit an die bestehenden Verhältnisse. Ein herausragendes Ziel professioneller Sozialarbeit war die Entwicklung der Widerständigkeit der Klientel. Heute scheint sich Soziale Arbeit als professionelle Institution mit einer ausreichenden Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte auf dem ‚Weg ins politische Abseits’ zu befinden (…) Soziale ExpertInnen werden mit einer Heftigkeit bekämpft, als sei ein eigenes Einkommen eine moralische Verfehlung.

Dabei ist der Auftrag der Sozialen Arbeit, gesellschaftlich organisierte Hilfe für Menschen zu leisten, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nicht mehr selbst helfen können, wichtiger denn je. Angesichts zunehmender Erwerbslosigkeit und Armut kann es nicht alleine um die Linderung oder Bearbeitung sozialer Probleme gehen, sondern auch um deren Verhinderung (präventiv) und um deren langfristige Lösung (dass sie nicht wieder entstehen). Soziale Arbeit hat in der vielzitierten Zivilgesellschaft auch einen politischen Auftrag, nämlich Ungleichheit und Ausgrenzung anzuprangern und einzufordern, dass Handlungsstrategien entwickelt werden, die der Exklusion entgegenwirken. Es geht darum, nach den Wurzeln zu graben, die die soziale Ungleichheit produzieren und reproduzieren und an grundsätzlichen Veränderungen des sozialen Systems zu arbeiten. Um das zu erreichen, braucht es kritische, qualifizierte Soziale Arbeit, die dazu motiviert, dass die Betroffenen sich nicht nur mit ihrer bedrückenden Situation auseinandersetzen, sondern auch die gesellschaftlichen Hintergründe erkennen, ihre Situation nicht nur als ihr individuelles Schicksal ansehen, sondern als ein politisch erzeugtes sozialen Problem, gegen das sie sich wehren können.“

Für Syndikalismus.tk  von einem Sozialarbeiter aus Berlin.

Leonie Wagner (Hg.): Soziale Arbeit und Soziale Bewegungen, Wiesbaden 2009, Verlag für Sozialwissenschaften, S. 73-107, ISBN: 978-3531156781, 279 Seiten

 

Leonie Wagner (Hrsg.) Soziale Arbeit und Soziale Bewegungen

Mit Beiträgen von: Leonie Wagner, Cornelia Wenzel, Gisela Notz, Anne Dudeck, Norbert Wohlfahrt, Swantje Penke, Carsten Nöthling, Peter Rieker

Die Entstehung und Entwicklung Sozialer Arbeit ist in Deutschland eng mit der Geschichte Sozialer Bewegungen verbunden. Sowohl Arbeiter-, Frauen- und Jugendbewegung als auch die Neuen Sozialen Bewegungen haben Impulse für die Soziale Arbeit gesetzt und z.T. aktiv an der Entwicklung der Handlungsfelder ‚Sozialarbeit‛ und ‚Sozialpädagogik‛ und deren Methoden mitgewirkt. Dieses Verhältnis war bzw. ist aber nicht immer harmonisch, sondern weist verschiedene Spannungsmomente und Abgrenzungen auf, in denen Fragen der gesellschaftlichen Verankerung und Verantwortung und des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit angesichts Sozialen Wandels diskutiert werden. Das Lehrbuch geht den Impulsen und Herausforderungen in seinen historischen Querschnitten nach und gibt einen guten Überblick zur Geschichte des Sozialen Bewegungen und der Entwicklungen, die das Sozialwesen in diesen Kontexten genommen hat.

Quelle: http://syndikalismus.wordpress.com/2010/01/20/gisela-notz-zu-den-perspektiven-sozialer-arbeit/

2 Antworten zu “Gisela Notz zu den Perspektiven Sozialer Arbeit

  1. statt der herrschenden zunft der sozialarbeiterInnen hier ein grösseres forum zu geben sei zum einen folgender text der cnt zu empfehlen:

    Die Ambivalenz der Funktion des Sozialarbeiters ist bekannt. Zuständig den
    am meisten Ausgebeuteten und Ärmsten zu helfen, ist der Sozialarbeiter
    gleichzeitig eines der Instrumente für den sozialen Frieden, eine
    notwendige Vorraussetzung für das gute Funktionieren dieser Ausbeutungs-
    und Profitgesellschaft. Da er täglich diese schizophrene Situation erlebt,
    ist er dauernd dem Zynismus der Macht ausgesetzt und mit der Not der
    benachteiligten, verarmten und ausgestoßenen Bevölkerungsschichten
    konfrontiert. Unter der Schirmherrschaft insbesondere der sozialistischen
    Macht wurde die Verwaltung der Armut in den 80-er Jahren durch die
    Vermehrung von Vereinen, genannt Sozialhilfe, Hilfe durch Arbeit oder
    Resozialisierung, rationalisiert. Das Geschäft lohnt sich! Der Staat, das
    Land und die Gemeinde wälzen die Verwaltung der Armut auf diese Verein
    gegen eine gewissen finanziellen Unterstützung ab, um den Laden am Laufen
    zu halten. Wackliger Status, Mindestlohn, Wahnsinnsstunden; der
    Sozialarbeiter befindet sich in einer Falle,. Angesichts der Not der
    Hilfsbedürftigen schuftet er meistens ohne Bezahlung, jongliert mit
    Behördengängen, den willkürlichen Gesetzen, den niederträchtigen
    Verordnungen, und versucht in diesem Papierkram-Labyrinth seinen
    Gleichgesinnten zu helfen, aufrecht stehen zu bleiben und einen Ausweg aus
    dieser Sackgasse zu finden, in die das System unerbittlich gerät.

    Aber die 80-er Jahre liegen sehr weit zurück. Die Zeit der väterlichen
    Almosenist vorbei. Heute wird dem Sozialsektor befohlen, sich an die
    Marktgesetze anzupassen, die zu der Not sowie zu dem Rest der Gesellschaft
    passen. Die Schlüsselwörter haben sich verändert! Berechnung, Kontrolle,
    Rentabilität, Produktivität, das sind die neuen Werte, die das
    Funktionieren des Sozialbereiches beherrschen. Bis auf wenige Ausnahmen
    haben sich die staatlichen Hilfen für die Resozialisierungsvereine weiter
    verringert, während sich die Forderungen der Mächtigen noch verstärkt
    haben. Unter dem Deckmantel der Resozialisierung wird der Sozialarbeiter
    ungewollt zu einem Polizeispitzel, ein Kontrolleur der Not, eine
    Polizeihilfskraft, die die Überwachung der aus dem System ausgestoßenen
    Personen übernimmt. Und die Leute irren sich dabei nicht. Viele verzichten
    auf ihr Recht auf das Realeinkommen, um die Kontrolle über ihr Leben zu
    vermeiden, ihre Art und Weise in diesem Zustand zu überleben. Und
    zahlreiche Ausgeschlossene haben noch ganz andere Schwierigkeiten zu
    erleiden, da sie nicht den Verwaltungsnormen entsprechen, die Bedingung
    sind, diese Almosen zu erhalten.

    Man fühlt es täglich; die Not ist mehr als ein Übel, das man ausmerzen
    muss, es ist ein gefährlicher Makel geworden, der verwaltet, beherrscht
    und betreut werden soll. Diese Wiederholung betrifft alle: den
    Ausgeschlossenen sowie den Sozialarbeiter. Aufgrund der gekürzten
    Subventionen verringern die Vereine ihre Ausgaben. Die Situation des
    Sozialarbeiters ist von da an nicht so weit entfernt von dem seines
    „Klienten.“ Wiederholter befristeter Vertrag… CES [Contrats emploi
    solidarité: Programm zur Beschäftigung für Arbeitslose an Schule],
    Zeitaufwand, Teilzeitarbeit, Mindestlohn …. sind meistens die
    Arbeitsbedingungen des Erziehers XY. Und die ungerechte Seite der
    Situation will, dass man nicht selten feststellt, dass die Leiter dieser
    Vereine sich gleichzeitig Löhne von mehreren tausenden Euros pro Monat
    zahlen lassen.

    Personen im Zustand des Prekariats um das Prekariat zu betreuen, das muss
    man sich einmal überlegen. In Montauban fragte ein Sozialarbeiter voriges
    Monat einen „Klienten“, der wegen Behördengängen kam, welchen Beruf er
    ausübte, bevor er die Schrecken der Arbeitslosigkeit kennen lernte, und
    dann den Mindestlohn: „Erzieher“, antwortet er, „aber aus Mangel an
    Subventionen hat der Verein zugesperrt“.
    Die Zukunft des Sozialarbeiters lautet: Verschwinden!
    Eine Hilfsorganisation zu gründen, bedeutet zu beschließen, dass diese
    Organisation mit Dauer umgesetzt wird, dass es kein konjunkturelles
    Ereignis ist, sondern eine Struktur, die integraler Bestandteil des
    kapitalistischen System ist.

    Es ist auch Aufgabe der Sozialarbeiter die Rolle zu verstehen, die man sie
    spielen lassen will. In einer Gesellschaft, in der Recht und Gerechtigkeit
    herrschen, wäre die Zukunft des Sozialarbeiters so schnell wie möglich zu
    verschwinden.

    CNT AIT
    108 rue Damrémont
    75018 PARIS

    zum anderen auf „Sozialarbeit von unten“ von Karam Khella verwiesen — der ist zwar Marxist, aber immer noch erfrischend gut und anders zu dem was weiter oben erzählt wird

  2. Der Text der frz. CNT-AIT ist der LISA-FAS bekannt, wurde von ihr aus dem französischen übersetzt und ist deshalb auch auf diesem blog zu finden: https://lisasyndikat.wordpress.com/2008/01/02/soziale-arbeit-eine-interpretation-der-cnt-ait/

    Zu MarxistInnen: Wer Marx genau ließt und seine Theorien konsequent anwendet, kann gar nix anderes werden als RätekommunistIn, OperaistIn, SyndikalistIn oder UnionistIn (((-;

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