Solidarität ist nicht abschiebbar!

Diese ganze Geschichte war nur möglich, weil wir daran geglaubt haben – trotz so manchen Zauderns und trotz heftiger Diskussionen und Streitigkeiten über die anstehenden Fragen: wie die nach Autonomie, nach globaler Legalisierung oder Einzelfallentscheidung, […] Trotz all dieser Probleme und Widersprüche, die zwangsläufig zu jedem Kampf dazu gehören, konnten wir das in unseren Augen Entscheidende bewahren: die Einheit unserer Gruppe. [1]

Am 29. April 2010 wurde die gesamte Fußballmannschaft des FC Sans Papiers bei ihrem Training auf der Marswiese von über 100 PolizistInnen planstabsmäßig kontrolliert und einige festgenommen. Im Laufe des Tages mußten die meisten mangels Gründen wieder freigelassen werden, jedoch bei einem Spieler und dem Trainer wurde die Schubhaft verhängt und am 4. Mai wurden die zwei Sans Papiers zusammen mit 19 weiteren Menschen abgeschoben. Neben den Gefahren für beide Fußballer, die sie im Herkunftsland erwarten, erfolgte bei Trainer Cletus die Abschiebung lt. Michael Genner von Asyl in Not trotz laufendem Verfahren [2]. Die 19 anderen abgeschobenen Menschen waren lt. Karin Klaric vom Flüchtlingsverein Ute Bock überhaupt widerrechtlich eingesperrt, die Akteneinsicht wurde verzögert und Einsprüche dadurch verunmöglicht[3].

Der Verein „FC sans papiers“ versteht sich als Plattform für Menschen, denen in Österreich die fundamentalsten Rechte versagt werden. [4]

Dieser staatlich rassistische Akt wurde jedoch auch begleitet von Protesten, Demonstrationen und zivilem Ungehorsam. Schon am 29. April gelang es ca. 200-300 engagierten Menschen den Abtransport/die Verlegung der Sans Papiers durch zivilem Widerstand zwei Stunden lang zu verhindern. 42 AktivistInnen wurden daraufhin vorübergehend festgenommen[5]. In den nächsten Tagen und bei den nächsten Protesten war die Exekutive tunlichst bemüht, von vornherein ihre Übermacht und Entschlossenheit zu demonstrieren. [6]

War es von unserer Seite anfangs geplant, ein offizielles Solidaritätsschreiben aufzusetzen, bleibt es uns nun über, euch, den Sans Papiers, unser Mitgefühl über den Verlust eurer Teamkollegen auszusprechen. Weiters wollen wir euch auch zukünftig unserer Solidarität versichern. Es ist vielen einzelnen zu verdanken, dass sie gezeigt haben, dass Widerstand möglich und auch recht teuer für den Abschiebestaat ist. Darauf wollen wir aufbauen und gemeinsam weiterkämpfen, um das nächste mal die Abschiebung zu verhindern. Das wollen wir tun, weil wir wissen, dass wir EINE KLASSE sind und diese, unsere Klasse keine staatlichen, ethnischen oder sonstigen Grenzen kennt. Oder mit den Worten von Orhan Dilber, einem Sprecher  eines französischen „Sans Papiers Kollektivs“:

Wir sind nicht mehr diese isolierten Ausländer, die mit dem Klassenkampf in Frankreich nichts zu tun haben. Wir sind mitten drin. Mit der Bewegung der Sans Papiers bereiten wir uns auch auf die Zukunft vor. Ich denke, dass diese Zukunft eng verbunden ist mit der Zukunft der französischen Arbeiter. Das wird immer vergessen. Die Franzosen denken, dass sie uns aus Großzügigkeit und Solidarität unterstützen. Sie betrachten sich als Helfer. Aber warum unterstützt Ihr uns denn? Aus Nächstenliebe? Nein, ihr tut es für euch. Wenn es Sans Papiers gibt, die illegal arbeiten, werden auch die Kassen der Sozialversicherung immer leerer. Man wird sagen, dass Ihr bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten müsst, weil die Renten unbezahlbar werden, denn von den Sans Papiers kommen keine Beiträge. Und zudem werden die Löhne nach unten hin angepasst. Es wird weiter privatisiert und ausgelagert werden, und dies alles ist nicht allein das Problem der Sans Papiers, sondern aller Arbeiter und auch der französischen Angestellten. Die müssen sich bewegen, nicht um uns zu unterstützen, sondern um für sich selbst zu kämpfen. [7]

Morgen Mittwoch, dem 5.Mai geht’s von 7 Uhr bis 24 Uhr bei PAZ (Rossauerlände7-9) weiter.

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  1. Madjiguéne Cissé in ihrem Buch Papiere für alle – Die Bewegung der Sans Papiers in Frankreich S. 77, rückblickend auf die Besetzungen der Pariser Kirchen Saint-Ambroise und Saint-Bernard im Jahre 1996, die den transnationalen Durchbruch der Bewegung der Sans Papiers bedeuten.
  2. http://www.asyl-in-not.org/php/fall_cletus_fc_sanspapiers,18561,24068.html
  3. http://derstandard.at/1271375746067/Frontex-Flug-Sans-papiers-vor-Abschiebung?sap=2&_seite=9
  4. Selbstverständnis der FC Sans Papiers http://fcsanspapiers.org/index.php?option=com_content&view=article&id=60&Itemid=71&lang=de
  5. http://www.deserteursberatung.at/article/700/
  6. http://no-racism.net/article/3346/
  7. http://moment.sosmitmensch.at/stories/2598/

Weitere Infos:

LISA-FAS

2 Antworten zu “Solidarität ist nicht abschiebbar!

  1. Doch die Verteidigung der Rechte der migrantischen Arbeiter/innen darf nicht nur den Bürgerrechtsorganisationen überlassen werden: Die Würde und das Recht für alle Arbeiter/innen müssen am Arbeitsplatz und auf der Straße erkämpft werden. Daher haben die italienischen Basisgewerkschaften COBAS und RdB/CUB gemeinsam mit der anarchosyndikalistischen USI-IAA den ersten öffentlichen Streiktag der illegalen Migrant/innen am 1. März 2010 aktiv unterstützt, an dem Zehntausende an Demonstrationen teilgenommen haben.

    http://syndikate.at/node/253

  2. Pingback: Asylunrecht: Aufruf zur mutwilligen Inanspruchnahme der Behörden! «

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