Pickerlaktion gegen drogenpolitischen Irrflug

Ohne Spritzentausch am Karlsplatz und ohne Konsumräume in Wien, werden ExpertInnenmeinungen ignoriert, KonsumentInnen und PassantInnen gefährdet.

Mit dieser Pickerlaktion wollen wir auf den drogenpolitischen Irrflug der derzeitigen „Verantwortlichen“ hinweisen. Wir sprechen uns damit gegen die Vertreibung der DrogenkonsumentInnen am Karlsplatz und gegen die Verarsche von Nicht-KonsumentInnen aus. Des Weiteren enthält der Text noch gesundheitliche Tips im Umgang mit Nadelfunden und Nadelstichen. Das deshalb, weil die Vertreibungen einen Anstieg gebrauchter Spritzen im öffentlichen Raum befürchten lassen.

Derzeit wird versucht die sogenannte Drogenszene vom Karlsplatz zu vertreiben. Ein Großaufgebot der Polizei soll den Betroffenen das Leben möglichst schwer machen (als ob sie es nicht eh schon schwer genug hätten). Neben unzähligen Perlustrierungen und Wegweisungen kam es lt. Wiener Zeitung vom 17. Juni 2010 zu 162 Festnahmen.

Dass Drogenmißbrauch von offizieller Seite als Krankheit (mitsamt seinem gesamten Krankheitsbild) anerkannt wird scheint am Karlsplatz aufgehoben zu sein. Ein umfassendes Hilfssystem soll durch eine zunehmende Kriminalisierung und Illegalisierung der KonsumentInnen ersetzt werden. Ganz offen soll hier eine Bevölkerungsmehrheit vor den Karren gespannt werden. Mit deren „Bedürfnis“ nach einem „subjektiven Sicherheitsgefühl“ wird Hetzte gegen eine Minderheit betrieben, die sich nicht wehren kann, da sie weder Macht noch Einfluß besitzt und somit ein leichtes Opfer darstellt. Sowohl Exekutive als auch Politik scheuen sich dabei nicht menschenverachtend von Säuberungen und Zwangstherapien zu sprechen. Alle wollen in Anbetracht der bevorstehenden Landtagswahlen politisches Kleingeld machen. Das novellierte Wiener Landes Sicherheitsgesetz, das Gesetzt gegen „Arme“ und „Andere“, ist genau richtig zur Räumung in Kraft getreten und gibt der Polizei weitere Befugnisse. Um das „subjektive Sicherheitsgefühl“ verängstigter AnrainerInnen und PassantInnen zu befriedigen und in der Hoffnung damit deren Kreuzerl am Wahlzettel zu bekommen, wird den Leuten weiß gemacht, dass durch eine aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Taktik eine Lösung darstellen würde. Das Gegenteil ist der Fall.

So wird von der sozialdemokratisch bestimmten Stadtverwaltung behauptet, dass durch die Schließung des Spritzentausches am Karlsplatz die KonsumentInnen zur sozialmedizinischen Drogenberatungsstelle Ganslwirt oder zum zweiten, neu geschaffenen Projekt TaBeNo abwandern würde. Dass die täglich am Karlsplatz entsorgten  4500 Spritzen dort auch landen darf bezweifelt werden. Da auf eine Anlaufphase für den Ersatzstandort verzichtet wurde (die Wahlen sind ja schon im Hersbst), kann eine Akzeptanz bzw. Annahme der Projekte durch die neuen KonsumentInnen nur erhofft werden. Problematisch dabei dürfte sein, dass beide Projekte eben nicht vor Ort bei einer bestehenden sogenannten offenen Drogen-Straßen-Szene niederschwellig anknüpfen können, sondern umgekehrt, die Leute zu ihnen kommen sollten. Derzeit werden diese intravenös konsumierenden Menschen jedoch polizeilich vertrieben und somit auf die ganze Stadt verteilt. Von einer offenen Drogen-Straßen-Szene kann derzeit nicht gesprochen werden. Die Versorgung der KonsumentInnen durch steriles Spritzbesteck wurde somit drastisch eingeschränkt. Mehrmaliges Benutzten einer Nadel durch eine und mehrere (!) Personen wird’s nun – in Ermangelung von „frischem Besteck“ – leider öfters geben. Die bisher gute Rücklaufquote an gebrauchten Spritzen wird sich in Zukunft somit auch nicht mehr spielen. Als Resultat befürchten die ExpertInnen an der Basis der Drogeneinrichtungen einen Anstieg der HIV- und Hepatitisinfektionen. Da eine Entsorgung dieser Spritzen nicht mehr szenegebunden vor Ort erledigt werden kann, ist zu befürchten, dass die Spritzen sonstwo landen. Auch da, wo sich inzwischen ein subjektives Sicherheitsgefühl eingestellt hat

Maulkörbe für die Basis der Drogeneinrichtungen behindern dabei nicht nur unerwünschte Kritik an den „Verantwortlichen“, sie verhindern Lösungen. Diesmal jedoch scheint es nicht gelungen zu sein eine öffentliche Debatte abseits parteipolitischer Interessen zu unterdrücken.

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Nadelfund, was tun?

  • Liegen lassen (sonst beim rumgehen mit der Nadel Verletzugsgefahr)
  • Im öffentlichen Raum besteht die Möglichkeit die MA 48 zu kontaktieren. Die sind unter der Tel.: 01/ 546 48 von Mo-Fr von 8-18 Uhr erreichbar.

ansonsten (z.B. Stiegenhaus):

  • Handschuhe anziehen
  • Nadel mit Hilfe von einer Kehrschaufel o.ä. in festen harten Behälter geben. Es gibt extra gelbe Boxen für solche Fälle.

Nadelstich, was tun?

1.)               Wunde zum bluten bringen. Viel Blut schwemmt einen Teil raus (aber nicht in der Nähe der Wunde rumdrücken)

2.)               Desinfektionsmittel aufbringen und die Wunde mit Desinfektionsmittel feuchthalten.

3.)               Innerhalb von höchstens 24 Stunden (am besten 2 Stunden)  ins Krankenhaus und mit der PEP beginnen. Am besten Immunambulanz Baumgartner Höhe o. in eine Notfallambulanz eines Krankenhauses. Diese vorher telefonisch informieren, dass & weswegen mensch kommt. (Wenn möglich die Spritze mitnehmen und das vorichtig -> siehe oben!)

Immunabulanz Baumgartnerhöhe:

Tel.: 01/ 910 60 – 427 10

Im Spital wird dann eventuell eine HIV-Prophylaxe, die sogenannte postexpositionelle Prophylaxe (PEP) verabreicht. Diese nimmt menschn dann 28 Tage lang, was die Wahrscheinlichkeit von einer HIV-Infektion verringert.

HIV kann bei einem Antikörpertest erst nach 3 Monaten nachgewiesen werden HepC nach bis zu 3 Monaten. Bei einem PCR-Test (Virus Test) ist das Virus nach 1-2 Wochen nachweisbar.

Hepatitis wird erst behandelt (Interferontherapie) wenn nachweisbar, HIV gleich (PEP).

HIV und Hepatitis C werden (auch) über Blut und somit auch über gebrauchte Spritzen übertragen. Die Wahrscheinlichkeit sich bei einem Stich mit einer Nadel, mit der intravenös injiziert wurde, mit HepC anzustecken liegt bei ca 2-3% (bei HIV ca 0,3%), je nach Virustiter und Blutmenge.

5 Antworten zu “Pickerlaktion gegen drogenpolitischen Irrflug

  1. Super Aktion, Pickerl und Text! Diesem Thema allgemein und speziell gerade jetzt in der (Vor) Wahlkampfzeit wird eh viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dieses andauernde „Auswirkungen“ unsichtbar machen wollen, kann die Situationfür niemensch wirklich verbessern, geschweige den solche komplexen und vielschichtigen Probleme wie Drogensucht lösen.

    Das ist echt so beschissen ignorant wie mit dieser und fast jeder thematik ungemgangen wird, umso besser, dass es auch kritische und sachlich wie soziale stimmen gibt!

  2. Fotos und Bericht gegen soziale Kontrolle & Repression

    […] Am Fuße der Mariahilferstraße, direkt neben dem Museumsquartier, steht der Marcus Omofuma Stein. An diesem Symbol für die mörderische Migrations- und Asylpolitik zog die Demonstration über die Mariahilferstraße vorbei zum Karlsplatz.

    Zum Bettelverbot in Wien wurden Flugblätter verteilt, die argumentieren, Polizist_innen erhielten dadurch „Rahmenbedingungen, unter welchen sie im Endeffekt jenden Einzelnen von der Straße direkt ins Gefängnis beordern können, sodass die Folgen des Kapitalismus in Form von Armut nicht mehr öffentlich sichtbar sein sollen.“

    Auf der Route vom Votivpark quer durch 8. und 7. Bezirk bis zum Karlsplatz, der als Paradebeispiel zur Erprobung von Maßnahmen zur Überwachung und Vertreibung gilt, wurde die Kritik mittels Slogans und Sprechchören in den öffentlichen Raum getragen – damit der Widerstand gegen die derzeitigen Entwicklungen sichtbar wird. […]

    http://austria.indymedia.org/node/18539

  3. & noch ´ne aktion:

    […] Am Freitag, dem 25.Juni, gab es einen Protest gegen die Vertreibung am Karlsplatz und die Schliessung des Spritzentausches, der von Studierenden des Studiengangs „Soziale Arbeit“ organisiert wurde. In einer theatralen Aktion schrieben ein paar „Schmutzfinken“ Kreidesprüche auf dem Boden, daraufhin kam ein Putztrupp, der dies lautstark entfernte. Zur Erklärung wurden Flyer an die umstehende Personen verteilt. Obwohl nur ca. 30 Menschen daran teilnahmen, gelang es, eine große Aufmerksamkeit zu erzeugen und einige Diskussionen anzuregen.[…]

    http://austria.indymedia.org/node/18548

  4. Wiener Deklaration: Schluss mit ‚Drogenkriegen‘

    Repressive Maßnahmen durch Polizei und Justiz verschärfen laut Experten das Problem für Drogensüchtige und damit auch die Bekämpfung von Aids. Sie fordern deshalb nun in einem internationalen Aufruf – der „Wiener Deklaration“ – das Ende von kontraproduktiven „Drogenkriegen“.

    Die „Vienna Declaration“ plädiert für eine Drogenpolitik auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und liegt seit heute Montag zur Unterzeichnung auf. […]

    http://science.orf.at/stories/1652128/

    Wenn sich nun wer fragt, was unter Repression zu verstehen ist, bitte hier nachlesen:

    http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/570603/index.do

  5. Schweiz diskutiert Straffreiheit für harte Drogen

    […] Eine von der Berner Regierung beauftragte Expertengruppe schlug gestern die „Entkriminalisierung“ auch harter Drogen vor. „Drogenkonsum soll nicht mehr mit dem Strafrecht verfolgt werden“, forderte der Chef der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen (EKDF), Francois van der Linde. […]
    http://news.orf.at/stories/2006902/

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