Diese Art von Ordnungspolitik ist inhuman, dumm und schädlich

Bezug nehmend auf die derzeitige Verteibung und Gefährdung der User_innen am Karlsplatz haben wir ein Interview mit JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) geführt. Wir hoffen, dass die Antworten besonders auf Drogen gebrauchende WienerInnen einen motivierenden Einfluss haben & wünschen viel Inspiration beim Lesen.

LISA: JES ist eine selbstorganisierte Interessensvertretung von DrogenkonsumentInnen, Ex-UserInnen und Substituierten in Deutschland. Wie seid ihr entstanden und was sind eure Ziele?

JES: JES entstand Ende der 80er Jahre als Antwort auf die zunehmende Stigmatisierung  Drogen gebrauchender Menschen in Deutschland. Aufgrund der Ausbreitung von HIV in der Gruppe der IVDU* wollten wir unsere Bedarfe bezüglich Information und Einbeziehung selbst artikulieren und dies nicht weiter Stellvertretern wie Ärzten, Sozialarbeitern oder gar Politikern überlassen.

Unser Ziel ist die völlige Neuordnung der gegenwärtigen Drogenpolitik in Deutschland. Drogenprohibition und repressive Maßnahmen haben sich als untaugliche Mittel erwiesen um User zu schützen. Sie sind teuer, unwirksam und schädlich. Für JES gilt es diese Politik zu überwinden und legale Bezugswege zu schaffen, die Verbraucher- und Jugendschutz einbezieht und Drogenmündigkeit fördert.

LISA: Ihr habt euch dazu entschlossen eure Interessen selbst zu vertreten. Was hat euch dazu bewogen?

JES: Wir glauben, dass wir selbst am besten wissen was gut und was schlecht für uns ist. Aus den vielen Jahren im Hilfesystem sind wir sensibel für notwenige Veränderungen des Drogenhilfesystems. Selbstorganisation ist authentisch und kann anders wirken als staatliche Angebote.

LISA: Die Wiener Stadtregierung hat beschlossen die Drogenszene vom Karlsplatz, dem traditionellen Treffpunkt der DrogenkonsumentInnen in Wien, zu vertreiben. Der Spritzentausch vor Ort wurde eingestellt und ein Großaufgebot an PolizistInnen soll für den nötigen Druck sorgen damit der Platz „gesäubert“ wird. Uns würde eure Meinung zu dieser Drogenpolitik brennend interessieren. Und was würdet ihr den Betroffenen raten?

JES: Dieses Vorgehen haben wir in Deutschland auch in vielen Städten erlebt. Diese Politik führt nur zu einer Zersplitterung der Szene, die dann für wichtige schadensminimierende Hilfen der Drogenarbeit nicht mehr erreichbar ist. Diese Politik ist kurzsichtig und setzt kurzfristige ordnungspolitische „Erfolge“ vor wirklichen Hilfen für Drogenkonsumenten.

Diese Art von Ordnungspolitik ist inhuman, dumm und schädlich.

Wenn die Drogenhilfe in dieser Frage mit den Interessen der User übereinstimmt (und dies scheint ja so) sollten sich Betroffene und Helfer verbünden und z.B. eine Mahnwache vorm Rathaus, oder der Verwaltung organisieren die für dieses Vorgehen zuständig ist.

Wenn die Drogenhilfe bereit wäre zivilen Ungehorsam zu zeigen, wäre auch die Fortführung des Spritzentauschs am Karlsplatz eine Maßnahme (Presse einbinden). Es gilt auch über die Presse deutlich zu machen welche Auswirkungen die Politik hat (z.B. weggeworfene Spritzen)

LISA: Konsumräume u./o. eine Diamorphinabgabe sind für die „Verantwortlichen“ der Stadt Wien nicht vorstellbar. Könnt ihr euch solche Akzente vorstellen? Was wären Vor- und Nachteile?

JES: Auch in Deutschland werden diese Angebote kritisch diskutiert. Letztendlich hat sich aber eine pragmatische Politik durchgesetzt.

Drogenkonsumräume sorgen in Deutschland dafür, dass der Konsum in der Öffentlichkeit deutlich abgenommen hat. Mehrere hundert Drogennotfälle die in Bahnhofstoiletten oder in der eigenen Wohnung tödlich verlaufen wären, konnten in Drogenkonsumräumen behandelt werden.

Die Praxis zeigt, dass es eigentlich keine Nachteile bei DKR´s gibt. In jenen Städten wo DKR´s eingerichtet wurden äussert sich selbst die Polizei, die Anwohnerschaft, die Kaufleute der Umgebung uva positiv.

Dort werden Infektionen verhindert, Leben gerettet und es bietet sich die Chance die Nutzer z.B über andere Angebote wie die Substitutionsbehandlung zu informieren.

Diamorphin: Dass viele Substituierte als Beikonsum viele andere psychoaktive Substanzen konsumieren ist kein Geheimnis. Hier gilt es die Palette der zur Verfügung stehenden Medikamente stetig zu erweitern. Diamorphin ist ein weiteres Medikament, das dazu beiträgt das Heroinkonsumenten individueller behandelt werden können.

Kritiker sollten sich die Entwicklung von Diamorphinpatienten anschauen. Es ist schon Wahnsinn welch positive gesundheitliche und soziale Entwicklungen sie vollziehen.

Drogenkonsumräume und Diamorphin gehören zu einer bedarfsgerechten Drogenpolitik.

LISA: Was würdet ihr euch von einer progressiven Drogenarbeit erwarten und wie sollten sich die betroffenen Vereine & ArbeiterInnen der Drogenprojekte eurer Meinung nach engagieren?

JES: Auch wenn es auf den ersten Blick schwer zu realisieren scheint- Es gilt Bündnisse zwischen Kirche, Drogenhilfe, Betroffenen und der Polizei zu schaffen.

Es gibt sicher auch in Österreich kritische Polizisten oder Polizeidirektoren die sich kritisch zur Drogenpolitik äussern.

Zu einer akzeptierenden und progressiven Drogenhilfe gehört immer auch das Einwirken auf die Verhältnisse. Es ist also Engagement in der Drogen- und Gesundheitspolitik gefragt. Leider ist dies eher die Ausnahme.

User haben anderes zu tun als sich politisch zu engagieren, aber vielleicht gelingt es mit einigen Substituierten eine Interessenvertretung von Betroffen zu initiieren. Zuletzt gilt es immer sich Öffentlichkeit zu verschaffen um die negativen Auswirkungen der Drogenpolitik aufzuzeigen.

In Deutschland gibt es den Gedenktag für verstorbene Drogenkonsumenten am 21 Juli. Mittlerweile finden in über 50 Städten Aktionen und Veranstaltungen statt. Dies ist eine hervorragende Gelegenheit um auf Missstände aufmerksam zu machen. Kaum eine Einrichtung, Verwaltung und Organisation wird „nein“ sagen wenn es um das Gedenken an Verstorbene geht. Dies könnte ein Weg sein um Bündnisse zu schmieden und gemeinschaftlich für eine andere Drogenpolitik in Österreich zu kämpfen.

Wie danken für die Antworten

* IVDU Abk für intravenous drug user; intravenöser Drogengebraucher

weiterführende Links zum Thema Selbstorganisation von User_innen:

Eine Antwort zu “Diese Art von Ordnungspolitik ist inhuman, dumm und schädlich

  1. danke für das interview – ist super geworden!

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