Aufstand der Hebammen im AKH

Im wichtigsten Wiener Spital erheben 19 Hebammen schwere Vorwürfe gegen ihre Vorgesetzten. Es gehe um Leib und Leben. (ein Bericht des Kurier vom 22.8.2010)

Sie sind verzweifelt, überarbeitet, psychisch stark belastet und greifen deshalb zum Äußersten. 19 von 23 Hebammen aus dem Wiener AKH wissen sich nicht mehr anders zu helfen, als den Weg zum Anwalt einzuschlagen.

Seit Jahren wollen die Frauen ihre Vorgesetzten auf miserable Arbeitsbedingungen in den Kreißsälen des größten Spitals Österreichs hingewiesen haben. Geht es nach den Hebammen – dann bislang ohne Erfolg. Das könnte sich nun ändern. Das Schreiben, das ihr Anwalt Marcus Essl vor zwei Monaten verantwortlichen Stellen im AKH und dem Krankenanstaltenverbund (KAV) zukommen ließ, wurde auch dem KURIER zugespielt. Das bislang unveröffentlichte Konvolut wirft ein zweifelhaftes Licht auf das Vorzeige-Spital. Die Vorwürfe wiegen schwer.

Wörtlich ist in dem Papier von „Gefahr für Leib und Leben“ und von zahlreichen Gesetzesverstößen die Rede. Pikantes Detail: Schon seit 2007 wurden in einem Bericht bereits ähnliche Missstände beschrieben. Geschehen ist seither so gut wie nichts. Die Vorwürfe, die nun im Anwaltsbrief aufgelistet sind, erschrecken umso mehr:

Im Kreißsaalbereich gibt es keine eigenen Nassgruppen für infektiöse Patientinnen. Gesunde Schwangere müssen sich mit infektiösen Patientinnen WCs teilen. Geringer Personalstand und schlechte Räumlichkeiten machen es Hebammen oft unmöglich, sich nach Behandlung infektiöser Patientinnen umzuziehen. Überstunden werden oft nicht ausbezahlt, zur Erholung zustehende Nachtzeitstunden nicht eingehalten.

Unter Druck

Wer den tagtäglichen Druck erahnen möchte, dem die Hebammen ausgesetzt sind, muss wissen: In den beiden Bettentürmen des AKH ist die Zahl der Patientinnen mit komplizierten Schwangerschaften besonders groß. Denn Wien gilt als Kompetenzzentrum, wenn es um schwierige Geburten geht.

„Es gibt immer Optimierungspotenzial“, beruhigt AKH-Direktor Reinhard Krepler, „aber keine schwangere Frau war oder ist gefährdet.“ Die Vorwürfe seien bereits bearbeitet worden, Besprechungen mit den zuständigen Magistratsabteilungen und mit dem KAV hätten stattgefunden. „Die Überprüfung durch das Institut für Krankenhaushygiene hat keine Mängel festgestellt“, beteuert Krepler, auf die Toiletten-Situation angesprochen.

Völlig unbeeindruckt von der Klagschrift der Hebammen dürfte der AKH-Chef aber nicht sein. „Bauliche Maßnahmen werden gerade geprüft.“ Auch in die Frage nach mehr Personal scheint nach drei Jahren plötzlich Bewegung zu kommen. „Mir wurde heute von KAV-Generaldirektor Wilhelm Marhold der Dienstposten einer Oberhebamme zugesagt.“
Dass weitere Hebammen nötig sind, glaubt er nicht. Sollte man aber nach einer weiteren Evaluierung zu dem Ergebnis kommen, „dass wir 33 Hebammen brauchen, dann werden wir auch 33 bekommen“.

Quelle: http://kurier.at/nachrichten/wien/2025578.php

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