Wenn die KriSo die Lust am Konkreten packt!

Am Donnerstag, den 4.11.2010 findet am FH Campus Wien eine Tagung der kriSo (Verein Kritische Soziale Arbeit) gemeinsam mit dem Fachhochschulstudiengang Soziale Arbeit statt. Diskutiert soll bei der internationalen Fachtagung über „Ansprüche und Widersprüche Sozialer Arbeit“ werden.

Der Folgende Text beinhaltet meine Gedanken zur Fachtagung und auch Kritik, die sich jedoch nicht gegen die Veranstalter_innen richtet. Es geht mir vielmehr darum, Widersprüchlichkeiten im gesellschaftlichen Kontext, in dem die Veranstaltung stattfindet, sichtbar zu machen.

Die Tagung Soziale Arbeit trägt dazu bei, gesellschaftliche Widersprüche und Interessenskonflikte sowie soziale Ungleichheiten und Ausschließungsprozesse aufzudecken und das Soziale im Sinne der Förderung der menschlichen Entwicklung mit zu gestalten.

Dazu muss ergänzt werden, dass die Teilnahme an der Veranstaltung 120,- Euro kostet, Student_innen haben 40,- Euro zu bezahlen. Ich denke, dass die wenigsten Teilnehmer_innen, diesen Beitrag selber leisten werden. Das heißt, ich gehe davon aus, dass Teilnehmer_innen nicht privat, sondern im Auftrag ihrer Institution, also der Arbeitgeber_innen teilnehmen werden. So viel auch erstmal zu Ausschließungsprozessen und einem kritischem Umgang damit.
In diesem Zusammenhang kommen mir auch andere Zweifel: Wie kritisch kann ich mich meinem Arbeitgeber gegenüber äußern, der mir so eben die Teilnahme an der Fachtagung bezahlt hat? Ich nehme in meiner Arbeitszeit an der Tagung teil und habe meinen Verein, Ges.m.b.H., etc. offiziell zu vertreten. Privat, oder anonym als „Basis“ kann ich mich schon kritisch zur „Förderung der menschlichen Entwicklung“ äußern, so ich das will. Als Arbeitnehmer_in kann ich das nicht und muss mir Gedanken darüber machen bald ohne Job dazustehen, wenn meine geäußerte Meinung zu weit von der Vorstellung meiner Geschäftsführung bzw. der Corporate Identity abweicht.Auch Studierende werden sich bei der Kritik an der FH wohl nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen.

Veränderte gesellschaftliche Bedingungen, gewandelte ökonomische Regulationsweisen und neue Formen staatlichen Handelns bedeuten vielfältige Ansprüche an Soziale Arbeit.

Die neuen Ansprüche an die Soziale Arbeit kenne ich aus der Lohnarbeit. Die kommen meist als Dienstanweisung von der Geschäftsführung. Erst noch als Bitte, dann als Arbeitsauftrag, schließlich als Drohung, wenn die Basis nicht versteht wo es neuerdings langgeht.
Die „vielfältige Ansprüche“, entpuppen sich als recht einseitige Anweisungen. Aber das darf ich ja auch nicht laut sagen. Dass in der Einladung keine Rede von einer Krise des Kapitalismus(!) steht, darf vielleicht auch als Einladung dazu verstanden werden, dieses Themengebiet lieber nicht aus klassenkämpferischer bzw. marxistischer Perspektive zu diskutieren. Die Formulierungen weisen eher in die Richtung Soziale Arbeit als Geschäftsfeld für NGO’s zu sehen.

Zugleich ist die Soziale Arbeit selbst heterogen und von unterschiedlichen – teilweise auch widersprüchlichen– fachlichen Positionen und politischen Perspektiven gekennzeichnet. Die Weiterentwicklung einer selbstbestimmten und reflexiven Handlungspraxis in sozialen Organisationen wie auch in akademischen Lehr- und Forschungseinrichtungen ist daher geboten.

Die Weiterentwicklung einer selbstbestimmten und reflexiven Handlungspraxis“ – Nun ja, wer nicht frei ist, der_die kann nicht selbstbestimmt sein.
Ich komme mir in der Arbeit jedenfalls nicht frei vor, mit all den Anweisungen und Maulkörben. Ich merke, dass mein Handlungsraum immer enger wird, immer mehr Vorgaben und Aufträge im (Arbeits-)Alltag auf mich einprasseln. Ich bin als Teilnehmer_in weder frei noch selbstbestimmt und soll doch eine „selbstbestimmte Handlungspraxis“ entwickeln? Welche Freiheit und welche Selbstbestimmung auch immer gemeint ist, meine kann es nicht sein.
Im Gegenteil, ich denke mir, Selbstbestimmung werden wir uns erkämpfen müssen, indem wir aufstehen und sagen:“Nein, so nicht! Da machen wir nicht mit!“. Reflexion allein wird leider nicht reichen und mir fällt auf, dass über Abhängigkeiten und Unterdrückungsmechanismen kein Wort im Text verloren wird. Wäre das Benennen dieser Abhängigkeiten nicht ein wichtiger und erster Schritt zu einem selbstbestimmten Handeln zu kommen? Wenn die eigene Abhängigkeit nicht zum Thema wird, welches Ziel hat dann die Tagung?

Nachdem der Verein kriSo bei den vorangegangenen Veranstaltungenden Blick stärker auf Analyse und Kritik gerichtet hat (siehe http://www.kriso.at), wollen wir diesmal „der Krise eine Chance“ geben. Eine Chance dahingehend, dass krisenhafte Perioden auch wachrütteln und zum Neunachdenken ermutigen. In diesem Sinne ist das Ziel der diesjährigen Tagung, unterschiedliches Wissen zusammenzuführen und zentrale Aspekte Sozialer Arbeit anders zu denken.

Zentraler Aspekt in meinem Leben ist und bleibt leider die Lohnarbeit und meine Lohnabhängigkeit. Der Zwang arbeiten zu müssen, entsprechen zu müssen, gehorchen zu müssen. Diesen Aspekt würde ich nur allzu gerne „anders denken“. Ich denke allerdings nicht, dass das Sinn der Veranstaltung sein wird, sonst hieße sie wohl „Kapitalismus abschaffen!“.
Wie Teilnehmer_innen mit diesem Widerspruch umgehen sollen, nicht das zum Thema machen zu können, was sie wirklich konkret betrifft, stellt mich vor ein Rätsel. Es sei denn, es geht nicht um die Menschen, die teilnehmen, sondern um die Institutionen, die sie vertreten. Um die Bedürfnisse der Verwaltungsbehörden, die Bedürfnisse der NGO’s, Bedürfnisse der Geschäftsführungen. Machtinteressen, Kontrollinteressen, Wirtschaftsinteressen.


Die Tagung richtet sich daher an ExpertInnen aus diversen Feldern der Sozialen Arbeit, an MitarbeiterInnen aus dem Wissenschafts- und Forschungsbereich sowie an MultiplikatorInnen aus Verwaltung und Politik. Gemeinsam werden wir Bereiche Sozialer Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und die spannenden, aber auch widersprüchlichen Möglichkeiten gegenwärtiger Praxis hinsichtlich der Anforderungen professioneller Sozialer Arbeit erörtern.


Es liest sich tatsächlich so, als wären nicht Menschen zur Tagung eingeladen, sondern quasi Teile von ihnen – die Expert_innen, die Professionist_innen, die verinnerlichten Institutionen. Der Rest soll draußen bleiben, die Menschen mit ihren Problemen und Unzulänglichkeiten. Alles was nicht produktiv ist und keinen Output schafft.
Die Teilnehmer_innen und Veranstalter_innen sind schon vor Beginn der Tagung ihrer Selbstbestimmung beraubt. Sie sind nicht frei, das zu sagen was sie sich als Menschen denken und nicht frei zu fordern was sie für sich selbst fordern würden.

Ausschlussmechanismen und gesellschaftliche Machtverhältnisse werden auf diese Weise produziert, jedoch keinesfalls kritisch hinterfragt, oder gar überwunden. Es wird nicht entwickelt, sondern es wird zementiert. Alles was an Ideen und Innovation da ist – all die Heterogenität im Sozialbereich soll in das vorherrschende System integriert werden, passend gemacht werden. Das Motto: Geben wir dem kapitalistischen System eine Chance!

Die Krise des Kapitalismus, bietet den Lohnabhängigen aber nur eine Chance, nämlich ihn abzuschaffen. Dann wäre ein Dialog auf Augenhöhe möglich, wäre Selbstbestimmung möglich, wäre ein offener Austausch möglich. Dann wären die handelnden Personen auch tatsächlich in der Lage über ihr Leben zu bestimmen und die Organisation des Sozialen Bereichs zu verändern. Innerhalb des jetzigen kapitalistischen Systems bleibt uns diese Möglichkeit und Freiheit entsagt.
Gewerkschaftlich tätig sein, heißt auch den Menschen und seine Bedürfnisse vor die Interessen des Kapitals zu stellen. Gewerkschaftliche Forderungen nach mehr Lohn, besseren Arbeits- und Lebensbedingungen sind auch die Forderung als Mensch ernst genommen zu werden und nicht nur als Arbeitskraft, Experte_in oder Teil einer Institution.

Daher steht die LISA gerne allen Interessent_innen offen. Wenn ihr wollt sehen wir uns bei einem der nächsten Treffen, wenn es wieder heißt:

Keine Maulkörbe für die Basis!
Weg mit dem Informationsmonopol!
Kapitalismus abschaffen!

5 Antworten zu “Wenn die KriSo die Lust am Konkreten packt!

  1. weitere offizielle infos zur fachtagung:

    „Professionalisierung konkret“ ist das Thema unserer Hauptvorträge am Freitagvormittag. Catrin Heite von der Universität Münster, Institut für Erziehungswissenschaft, wird über „Fallstricke und Perspektiven“ sprechen, Josef Scheipl von der Universität Graz, Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, wird unter dem Titel „Österreichischer Wildwuchs oder klare Perspektiven?“ näher auf die Situation in Österreich eingehen.
    Im Anschluss wird eine Vielzahl von interdisziplinär besetzten Parallel-Workshops angeboten, z.B. zu Themen wie Politisches Handeln in der Sozialen Arbeit, Gewaltprävention in der Jugendarbeit, Familienarbeit, Interkulturelle Arbeit mit Frauen und Mädchen, u.v.m.

  2. Liebe AktivistInnen von Lisa!

    Wir freuen uns über eure inhaltliche Auseinandersetzung mit der von uns geplanten Tagung. Unser inhaltliches Anliegen ist eng verbunden mit den Facetten einer Sozialen Arbeit, wie wir sie gegenwärtig d.h. durchaus in einer Periode der Krise des Kapitalismus, erleben. Wir möchten an den derzeitigen Bedingungen fachlicher Sozialer Arbeit anknüpfen und Diskurse anregen, um ganz spezifisch für einzelne Handlungsfelder bzw. Themen die Spielräume professionellen Handelns zu erweitern bzw. ein Stück weit anders als unter ökonomistischen Perspektiven zu gestalten.

    Soziale Arbeit zieht ihr Substrat gerade aus den Brüchen moderner Vergesellschaftung, ihr Fachdiskurs ist in dieser Hinsicht elitär und zwar notwendigerweise elitär, weil professionelle Soziale Arbeit gebunden ist an Menschen, die ihre sensiblen und immer auch ambivalent zu bewertenden Interventionen bei Problemlagen Einzelner oder Gruppen bzw. bei der Planung für Angebote potentieller AdressatInnen nach kritisch-reflexiven, theorie- und praxisgeleiteten Kriterien bewusst ausrichten. Hier gibt es klarerweise Funktionszuschreibungen und keine antikapitalistische Fundamentalkritik, die überdies auch nie hierarchiefrei gelaufen sein dürfte. Eure Ansage bezieht sich wohl eigentlich auf die Abschaffung der Sozialen Arbeit, was ja durchaus diskussionswert sein kann, aber nicht unser Anliegen ist und insofern einen ganz anderen Diskurs bedient.

    Anmerken möchten wir, dass wir als Verein insofern anti-kapitalistisch orientiert sind, als unsere eigene Tätigkeit ehrenamtlich erfolgt und der Verein nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Wir folgen allerdings insofern einer kapitalistischen Produktionslogik als wir uns entschlossen haben, die Arbeit der ReferentInnen bei unserer Tagung mit einem kleinen Honorar wertzuschätzen. Dazu und für die organisatorisch-adminstrative Abwicklung der Tagung sind Tagungsgebühren notwendig – insofern können wir jedenfalls wesentliche kapitalistische Merkmale wie die Lohnarbeit nicht aus den Angeln heben und bauen auf vielfältig kreative Strategien im Umgang damit. Was das Thema: „Politisch Handeln“ im engeren betrifft, möchten wir auf die Themenstellung von AK 2 verweisen.

    Wer die Tagung auf welche Weise mitgestalten wird, darauf sind auch wir schon gespannt. Wir würden uns freuen, wenn viele Menschen diesen von uns angebotenen Rahmen für sich nutzbar machen können und wollen. Wir erwarten von ReferentInnen bei der Tagung, dass sie auch kritische Themen beim Namen nennen und wir freuen uns auf alle TeilnehmerInnen, die dies auch gerne tun wollen und Ansprüche und Widersprüche für neue fachliche Wege einbringen.

    Vielleicht sehen wir uns ja!
    Josef Bakic, Marc Diebäcker und Elisabeth Hammer
    Euer Kriso-Team

    • „Hier gibt es klarerweise Funktionszuschreibungen und keine antikapitalistische Fundamentalkritik, die überdies auch nie hierarchiefrei gelaufen sein dürfte.“
      – „Nie“ ist starkes Wort und trifft fast „nie“ zu. Es gab und gibt hierarchiefreie antikapitalistische Fundamentalismuskritik, namentlich, aber nicht nur, im Rahmen des Syndikalismus. Und wenn hier „nie ganz“ gemeint ist, so versuchen SyndikalistInnen zumindest, so „hierarchiefrei wie nur irgend möglich“ zu diskutieren, beschließen und handeln!

      „Eure Ansage bezieht sich wohl eigentlich auf die Abschaffung der Sozialen Arbeit, was ja durchaus diskussionswert sein kann, aber nicht unser Anliegen ist“
      – Auf der Sozialakademie wurde einem vermittelt, dass letztendlich das sich überflüssig machen, immer das Ziel des/der SozialarbeiterIn ist. In unsrer Arbeitsrealität siehts selbstverständlich anders aus. Wenn wir auch „froh sind, Menschen helfen zu können“, haben wir als Lohnabhängige insgeheim doch das Interesse, dass diese „Hilfsbedürftigen“ nicht weniger werden. Abschaffen oder zumindest reduzieren will man die Soziale Arbeit in der Politik und zwar aus einem ganz anderen Interesse. Diese Widersprüche sind mindestens genauso wichtig, wie das Doppelte oder dreifache Mandat. Indem wir unsre Selbstaufhebung als Proffession(en) ernst nehmen, können wir einen antikapitalistischen Diskurs gar nicht vermeiden (mein Gott, was haben wir das versucht ;-))))…

      • Es soll natürlich „Fundamentalkritk“ heißen, nicht „Fundamentalismuskritik“! SORRY, anscheinend bin ch schon kondizioniert…

  3. ich hab mir die KriSo Antwort jetzt 3x durchgelesen und immer noch nicht so ganz kapiert, um was es geht. Das ist wohl auch gemeint, wenn der Vorwurf kommt, die veranstaltung wäre elitär. Der Ton macht die Musik, eine elitäre, wissenschaftliche Sprache ist nicht jedermensch Sache!
    Abgesehen davon ist das Anliegen, Sozialarbeit, oder Soziale Arbeit als Wissenschaft zu betrachten, en Murks. Man kann Sozialarbeit zwar wissenschaftlich betrachten, aber Sozialarbeit ist für sich keine Wissenschaft. In der Praxis fühlen sich weder sozial Arbeitende als Wissenschaftler (außer man etrachtet, die Orientierung im Behördendshungel als „Wissenschaft), noch würde irgendeinE ArbeitgeberIn, Sozial Arbeitende als solche anerkennen.
    Wenn man meint, ein Sozialabeiterischer Diskurs wäre elitär, so stimmt das insofern, als dass die AdressatInnen sozialer Arbeit nicht direkt mit einbezogen sind (was aber auch nicht immer zwangsläufig so sein muss). Elitär ist die KriSo Veranstaltung zusätzlich aber v.a. durch die hohen Teilnamegühren (so stehts im Text) und wie ich meine, durch die Art des Diskurses (praxisferne, elitäre Sprache).
    Hinzu kommt, dass wenn Sozial Arbeitende nicht verstehen, um was es geht, es verantwortliche in Politik und Wirtschaft schon gar nicht verstehen werden. Man schießt also in die Luft. Oder ich bin einfach zu doof…
    Die ökonomischen Verhältnisse und sonstige Machtverhältnisse auszuklammern ist im Übrigen „unwissenschaftlich“ (;-) und wenig zielführend!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s