Rote Pflegefirma kürzt hunderten Frauen die Löhne

Weniger Einkommen, oder der Job ist weg: Vor diese Wahl stellt das Wiener Pflege-Unternehmen Sozial Global fast 400 seiner 800 Mitarbeiter. Eigentümer ist ausgerechnet ein von den Wiener SP-Frauen gegründeter Verein. Ein Bericht von derstandard.at vom 22. 2. 2001 inkl. weiterer Links zu zusätzlichen Infos, einer Onlinepetition und Protestmails.

„Zufriedene MitarbeiterInnen, die gerne ihren Beruf ausüben und auch über längere Zeiträume dem Beruf und der Firma erhalten bleiben, sind unser kostbarstes Gut (…)“ – so steht es auf der Homepage von Sozial Global, einem großen Wiener Pflegedienstleister mit mehr als 800 Mitarbeitern. Eben diese erleben die Realität im Unternehmen derzeit ganz anders. Freunderlwirtschaft, Dienstplanchaos und knallharte Personalpolitik sollen auf der Tagesordnung stehen. Und es handelt sich nicht um irgendeinen Pflegeanbieter: Sozial Global ist eine Aktiengesellschaft, deren Alleinaktionär der Verein Sozial Global ist. Der wurde wiederum 1957 von den Wiener SP-Frauen gegründet. Vorsitzende ist derzeit Nicole Krotsch, Frauensekretärin und Gemeinderätin der Wiener Sozialdemokraten.

Die Sozial Global AG, die in der Heimpflege etwa 2500 Klienten betreut, greift nun zu einer drastischen Maßnahme: 385 Mitarbeiter wurden beim Arbeitsmarktservice zur Kündigung angemeldet. Dabei ist das Unternehmen gar nicht daran interessiert, Mitarbeiter abzubauen – im Gegenteil, auf der Homepage werden sogar welche gesucht. Es handelt sich bloß um Änderungskündigungen, welche für einzelne Mitarbeiter laut Berechnungen der Gewerkschaft vida einen Einkommensverlust von 3000 Euro im Jahr bedeuten könnten; bei einem durchschnittlichen Nettomonatsgehalt der Betroffenen von 1300 Euro. Vereinsvorsitzende Krotsch spricht von „Umstiegsangeboten“ in den neuen Kollektivvertrag, der mit der Gewerkschaft ausverhandelt worden sei. Ziel des Unternehmens sei es, alle Arbeitsplätze zu erhalten, sagte sie dem Standard. Letztlich ginge es um „gerechtere Verträge“, und jede Mitarbeiterin werde im Zuge dieses „Umstiegs“ beraten. Wer sich der Änderungskündigung verweigert, ist freilich ab dem 1. April arbeitslos.

Mangelhafte Dienstpläne

Grund für diese Maßnahmen sollen finanzielle Probleme sein. Genaue Auskünfte erhielten die Mitarbeiter der Sozial Global AG dazu nicht. Der Betriebsratsvorsitzenden Leopoldine Frühwirth fielen andere Einsparungsmöglichkeiten ein. Sie berichtet etwa von mangelhafter Dienstplangestaltung: So habe eine Mitarbeiterin bei der Heimpflege in einem Haus im ersten Bezirk zufällig eine Kollegin angetroffen, die dort ebenfalls jemanden betreut hat – und dafür extra aus dem 23. Bezirk anreisen musste.

Zudem ist die Rede von Freunderlwirtschaft: Ein Ehemann eines Vorstandsmitglieds soll für Sozial Global als Unternehmensberater tätig gewesen sein, der Bruder einer ehemaligen Vorstandsvorsitzenden als Architekt. „Wer die SPÖ in Wien kennt, weiß, dass es gang und gäbe ist, gewisse Menschen zu bevorzugen“, sagte Thomas Stöger (FSG), Wiener Landesgeschäftsführer der vida, am Dienstag vor Journalisten.

„Vergleichbar bleiben“

Susanne Schaefer-Wiery, Geschäftsführerin von Sozial Global, will zwar nicht ausschließen, dass Fehler passiert seien; grundsätzlich würden die Teamleiter aber „sehr sorgfältig“ arbeiten. Andere Pflege-Unternehmen hätten den Umstieg auf den neuen Kollektivvertrag längst vollzogen, und es gehe für Sozial Global darum, „in der Branche vergleichbar zu bleiben“. Ein Teil der Mitarbeiter würde derzeit 15 oder 15,5 Monatsgehälter bekommen. Schaefer-Wiery: „Da ist eine Vereinheitlichung notwendig.“

Gewerkschafter Stöger forderte die SPÖ-Frauen auf, die Kündigungen zurückzunehmen und erneut zu verhandeln. Und er verwies darauf, dass „die Geschäftsleitung von Sozial Global nicht einen Schritt ohne die politische Beratung der SPÖ-Frauen macht“. Vorsitzende der roten Wiener Frauen ist Vizebürgermeisterin Renate Brauner. Sie war am Dienstag für den Standard nicht erreichbar. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2011)

Weiterführende Links:

7 Antworten zu “Rote Pflegefirma kürzt hunderten Frauen die Löhne

  1. Sozial Global setzt Kündigungen aus
    Im Streit um Änderungskündigungen beim Wiener Sozialdienstleister Sozial Global heißt es nun „Zurück an den Verhandlungstisch“. Die Kündigungen wurden ausgesetzt, Gespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaft angekündigt.
    http://wien.orf.at/stories/500927/

  2. Dumpinglöhne im Pflegebereich
    Experten warnen vor Arbeitskräftemangel
    http://oe1.orf.at/artikel/270451

    „Trotz der geringen Entlohnung für Pflegekräfte sieht Rudolf Hundstorfer aber keinen Bedarf, den Kollektivvertrag zu ändern. “
    http://oe1.orf.at/artikel/270523

  3. Der like Button wuerde sich gut auf der Seite machen, oder ist er mir entgangen?

  4. Öffentliche Betriebsversammlung mit Gästen am 7. März vormittags

    Als erste Protestmaßnahme gegen die Änderungskündigungen halten die Beschäftigten von Sozial Global am 7. März 2011 um 10.00 Uhr eine Betriebsversammlung im öffentlichen Raum ab – voraussichtlich findet die Betriebsversammlung am Friedrich-Schmidt-Platz hinter dem Rathaus statt. „Gäste“ aus anderen Betrieben, Branchen und Bereichen werden erwartet und sind willkommen
    http://www.vida.at/servlet/ContentServer?pagename=S03/Page/Index&n=S03_0.a&cid=1298546032003

  5. videos zur öffentl. betriebsversammlung

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