Aktualisiert: Interview mit einem IWW Organizer in Portland, Oregon

In der letzten Woche wurde der Arbeitskampf bei Janus Youth Programs (Portland, Oregon) erfolgreich beendet. Zeigte sich das Janus Verhandlungsteam zuerst unbeweglich, schaffte es die IWW durch Androhung weiterer Direkter Aktionen Janus sämtliche Forderungen der ArbeiterInnen abzuringen.

Ein Mitglied der IWW Österreich und der LISA-FAS hat Jonathan, einem der IWW Organizer, der an der Janus Kampagnie beteiligt war, vorige Woche ein paar Fragen gestellt.

Kannst du uns ein paar Informationen über die IWW in Portland, vor allem über die IU 650 (Öffentliche Dienstleistungen), geben?

Im Unterschied zu den meisten IWW Betrieben (Betriebe in denen IWW Mitglieder organisiert sind, Anm.) besitzen drei der IU 650 Betriebe in Portland (vor allem im Sozialbereich) einen Vertrag mit der IWW. Zwei davon gehören zu Janus Youth Programs. Streetlight/Porchlight ist eine Herberge für obdachlose Jugendliche und Harry’s Mother ist ein Programm für unter 18 Jährige, die von zu Hause weglaufen sind. In diesen Betrieben verhandeln die ArbeiterInnen selbst ihre Verträge und organisieren selbst ihre Proteste. Die IWW ist eine „ehrenamtlich“ organisierte Gewerkschaft mit Mitgliedern, die sich bei Arbeitskämpfen gegenseitig unterstützen. Wie hier bei Janus, um dabei zu helfen, einen Streikposten zu organisieren und daran teilzunehmen.

Kannst du uns ein paar Informationen über den Konflikt geben. Was fordert ihr und wie wollt ihr das erreichen?

Wir fordern vor allem, unseren seit 10 Jahren bestehenden internen Schlichtungsausschuss (original: peer review panel, Anm.), welcher Janus keinen Cent kostet, zu behalten. Janus wollte die ArbeiterInnen schwächen und sie dazu zwingen eine bindende externe Schlichtung zu akzeptieren. Diese würde 1500 Dollar pro Tag (!) kosten, bezahlt jeweils zur Hälfte durch Janus und die Gewerkschaft. Das sind Kosten, die weder die Gewerkschaft noch die ArbeiterInnen bestreiten können.

Ihr organisiert die ArbeiterInnen bei Janus seit 10 Jahren. Wie habt ihr euren heutigen Status erreicht?

Etwa vor 10 Jahren wählten die ArbeiterInnen für die IWW als deren Verhandlungs- Repräsentanten. Über die Jahre gab es eine unterschiedliche Intensität, was die Beteiligung in der Gewerkschaft betrifft. Es gab Zeiten, in denen die ArbeiterInnen nicht mal wussten, dass sie eine Gewerkschaft haben. Zu anderen Zeiten, in denen viele ArbeiterInnen sich stärker beteiligten, war auch die Gewerkschaft stark. Die IWW ist immer nur so stark wie ihre Basis.

Was ist der Unterschied zwischen der IWW und Gewerkschaften wie der AFL-CIO (größter Gewerkschaftsbund der USA, reformistisch und hierarchisch ausgerichtet)? Kannst du uns das anhand der täglichen Gewerkschaftspraxis in Betrieben wie Janus erklären?

In der IWW gibt es keine bezahlten Organizer[1] und Verhandler, die zu uns kommen, um uns zu erklären, wie die Dinge laufen. In der IWW gibt es Freiwillige, welche helfen, wenn die ArbeiterInnen nicht wissen, wie man einen Vertrag verhandelt oder um sie über ihre Rechte aufzuklären. Weiters ist das Ziel der IWW, die ArbeiterInnen zu organisieren, nicht den Job. Deshalb gehen ArbeiterInnen zu Schulungen, wo sie sich die Fähigkeiten und Strategien aneignen, um gegen die Bosse aufstehen zu können. Eine dieser Strategien ist der „Informations Streikposten” (vor dem Geschäft Aufstellung nehmen und die KundInnen über den Arbeitskampf informieren. Sehr erfolgreich angewendet z.B. durch die IWW Starbucks Union.). Diese Kampfform ist bei gewerblichen Betrieben, wie Geschäften und Restaurants, die auf KundInnen angewiesen sind, sehr erfolgreich. Janus ist eine NPO, die von den lokalen Behörden finanziert wird. Deshalb war die Arbeit hier etwas anders. Wir taten was wir konnten, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen und damit Druck auf Janus auszuüben. Zum Schluss haben wir Janus direkt konfrontiert und vier Wochen täglich vor dem Büro mit Sprechchören, Lärm und Schildern protestiert. Wir begingen keine Gesetzesübertretung , aber wir haben es der Janus Administration nicht leicht gemacht, ihre Arbeit im Büro zu erledigen. Wir machten ihnen klar, dass dies ein Kampf ist, den wir vorhaben zu gewinnen und dass wir bereit dazu sind, unsere Taktik wenn notwendig, auszuweiten.

Wie habt ihr (die IWW Portland allgemein und die IU 650 im Speziellen) es geschafft, ganze Betriebe in einer Basisgewerkschaft zu organisieren?

Das war vor meiner Zeit. Aber die Gesetze in den USA besagen, dass eine Mehrheit der ArbeiterInnen in einem Betrieb  eine Gewerkschaft  zu ihrem Verhandlungs Representanten wählen kann. Vor zehn Jahren wollten die ArbeiterInnen eine radikaldemokratische Gewerkschaft und sie bekamen die IWW[2].

Wie können wir euch unterstützen?

Informiert über unseren Kampf und unseren Erfolg. Und verbreitet die Idee, dass ArbeiterInnen vereint die Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen erlangen können.

Ergänzung (eine wichtige Frage habe ich nicht gestellt und nachgereicht):

Was würdest du einem/einer ArbeiterIn im Gesundheits- oder Sozialbereich sagen, wenn er/sie argumentiert, dass eine Direkte Aktion (z.B. Streik) in unsrer Branche den KlientInnen und PatientInnen schaden würde?

Das ist eine sehr gute Frage – Eine die ich schon oft von Leuten aus dem Sozialbereich gehört habe. Ich habe dazu ein paar Gedanken. Einer ist, dass Streik zwar das effektivste und naheliegendste Werkzeug einer Gewerkschaft ist, es aber viele andere mögliche Direkte Aktionen gibt. Bei Janus haben wir ja nicht gestreikt, sondern  einen „Informations-Streikposten“ aufgestellt. Bei einer NPO ist das kompliziert, da sie ja nicht auf Kunden angewiesen ist. Dennoch werden sie dadurch mit der Aufmerksamkeit der Gesellschaft konfrontiert. Darum spielen Medien und die Community so eine große Rolle. Aber die KlientInnen bleiben davon unberührt. Ich denke, es ist auch wichtig, dafür zu sorgen, dass bei einem Streik Benachteiligte Personen nicht ohne die benötigte Betreuung dastehen. Ich arbeite in einer Unterkunft für obdachlose Jugendliche. Würden wir streiken, würden wir das für einen Tag machen. Und an diesem Tag müsste unserE VorgesetzteR in die Einrichtung kommen und auch nachts arbeiten. Es wäre etwas chaotisch, aber die Einrichtung würde weiter laufen. Diese Form des kurzen störenden Streiks kann wiederholt werden, wenn das Management die Forderungen nicht erfüllt. Dadurch würden wir unseren KlientInnen nicht ihr Essen und ihre Unterkunft vorenthalten, jedoch das Leben unseres Managers erheblich beinträchtigen. Es ist auch zu beachten, dass das Management die Botschaft verdrehen könnte: Indem sie die ArbeiterInnen als egoistisch und kaltschnäuzig darstellen. Deshalb ist das Kommunizieren der Anliegen der AbeiterInnen an die Medien und die Gesellschaft, bevor das Management es macht, ein wichtiges Ziel. Ich denke, diese Methode des Ein-Tages-Streiks hat auch mit der Arbeitsgesetzgebung der USA zu tun. Jemand der/die aus ökonomischen Gründen streikt, kann legal gefeuert und ersetzt werden. Passiert das allerdings während Verhandlungen und liegt ein bei der zuständigen Regierungsstelle (NLRB, National Labor Relations Board) bekannte Unregemäßigkeit (ULP, Unfair Labor Practice) vor, und ist es klar, dass der Streik wegen dieser ULP geführt wird (und nicht z.B. für höhere Löhne), muss der Betrieb die ArbeiterInnen nach dem Streik wieder einstellen – also am nächsten Tag. Deshalb ist diese Form des Streiks möglich, da man den ArbeiterInnen erklären kann, dass sie ihren Job nach dem Streik garantiert zurückbekommen. Darum ist es auch so wichtig mit den Arbeitsgesetzen vertraut zu sein, da man den ArbeiterInnen genau sagen kann, welches Risiko sie mit deiner Direkten Aktion eingehen. Das ist deshalb so wichtig, damit die ArbeiterInnen nicht das Gefühl bekommen, von den Organizern in die Irre geführt zu werden.

Danke und viel Erfolg in eurem Kampf!


[1] EinE Organizer ist ein speziell ausgebildetes Gewerkschaftsmitglied, dass in die Betriebe geht, um dort einerseits Mitglieder anzuwerben und andererseits gemeinsam mit den Beschäftigten Ziele (realistische Forderungen aufzustellen) zu definieren und gemeinsam durchzusetzen. Das Konzept stammt aus der frühen ArbeiterInnenbewegung und wurde und wird in der IWW seit 106 erfolgreich angewandt. Auch die großen Gewerkschaften haben dieses Konzept in den letzten Jahren wiederentdeckt und konnten in den USA dadurch Millionen neue Mitglieder gewinnen. Auch in Deutschland und Österreich (DGB und ÖGB) wird es seit kurzem teilweise angewandt. Während bei den großen Gewerkschaften das Organizing v.a. als weitere Dienstleistung  (bezahlte von der Gewerkschaft beauftragte Organizer) angeboten wird, sind IWW Organizer unbezahlt und ihr Ziel ist es, jedeN ArbeiterIn zum Organizer zu machen („Empowerment“).

[2] IWW Mitglieder machen aber ihre Solidarität nicht vom legalen Status abhängig. IWW Mitglieder setzen sich auch für einzelne Wobblies in einem Betrieb ein, wenn es sein muss weltweit (siehe: http://www.starbucksunion.org/node/2017)!

2 Antworten zu “Aktualisiert: Interview mit einem IWW Organizer in Portland, Oregon

  1. Die IWW hat sich in den letzten Jahren von einer kleinen Gewerkschaftsinitiative zu einer echten Alternative (v.a. in den USA und GB) zu den großen Gewerkschaften entwickelt. Als die IWW in Portland vor 10 Jahren erfolgreich Betriebsgruppen aufbaute, war das keineswegs repräsentativ für die IWW als gesamtes. Zu einer Zeit als viele IWW Gruppen noch „Politgruppen“ waren stammt folgendes Interview: http://www.anarchismus.at/txt4/wobbliesimaufwind.htm (gar nicht so lange her).

  2. Pingback: Burn-Out Rekord im KAV, Stadt will aber weiter „sparen“! |

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