Wohin denn mit den Jugendlichen?

Viele berliner Jugendclubs wurden in den letzten Jahren privatisiert.

Doch was wurde aus dem Geschäft mit den Jugendeinrichtungen?

Sie kamen mit Fahrrädern, Transpis und Plakaten. Und dann? Die Proteste gegen die Privatisierung von Jugendclubs sind schon lange abgeebbt und aus dem Bewusstsein der Meisten verschwunden. Doch dies kann noch lange nicht als Beweis gelten, dass sich alles zum Guten entwickelt hat.

Zur Vorgeschichte

Bereits 2007 begann der Bezirk Lichtenberg seine Jugendclubs an so genannte freie Träger zu verkaufen. Innerhalb kurzer Zeit hatte der Bezirk über 90% seiner Jugendclubs aufgegeben und den privaten BesitzerInnen überlassen. Der Bezirk zog eine positive Bilanz, die Kosteneinsparungen schienen sich zu lohnen und so kamen andere Bezirke schnell in Zugzwang. Denn da Lichtenberg es geschafft hatte effizient an der Jugend zu sparen, wurden schnell die Zuschüsse der anderen Bezirke gekürzt. Nach dem Motto, wenn die das können, könnt ihr das auch, sollten die Einsparungen im Jugendbereich so schnell wie möglich geschehen.

Angestellt, Ausgestellt, Arbeitslos

Entgegen der ständigen Beteuerungen kann man sagen, dass sich die Lage in den Jugendclubs deutlich verschlechtert hat. Auf der Seite der VerliererInnen stehen ganz klar die Angestellten und die Jugendlichen. Für die öffentlich Angestellten bedeutet die Privatisierung einen gewaltigen Einschnitt. Sie stehen vor der Wahl: Entweder sie verlassen ihren alten Arbeitsplatz, oder sie nehmen eine Stelle bei den freien Trägern an. Doch die freien Träger zahlen weniger Lohn, bieten keinen Schutz vor Kündigungen und stellen die Angestellten in vielen Fällen sowieso nur für kurze Zeit ein. Nach einem halben oder auch ganzen Jahr laufen die meisten Arbeitsverträge aus und die Angestellten können ihre Sachen packen. Jene Angestellte, die nicht zu einem freien Träger übertreten wollen, müssen hoffen eine Stelle in einem noch öffentlichen Jugendclub zu kriegen. Andernfalls bleibt nur die Arbeitslosigkeit. Statt der teuren, erfahrenen Angestellten werden einfach Zivildienstleistende oder PraktikantInnen angestellt, die in der Regel weniger Lohn kosten und schneller den Arbeitsplatz wechseln.

Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Diese Entwicklung wirkt sich natürlich auch auf die Situation der Jugendlichen aus, die die Angebote der Jugendclubs wahrnehmen. Dadurch, dass die Angestellten ständig den Arbeitsplatz verlassen und neue ihren Platz einnehmen, fehlt jede Art der Beständigkeit. Abgesehen von persönlichen Beziehungen zwischen Jugendlichen und Angestellten die durch die befristeten Arbeitsverträge schnell zerrissen sind, ändern sich natürlich auch die Gestaltung und Qualität von Veranstaltungen und Angeboten in den Häusern. Aufgrund von Halbtagsstellen fehlt den Angestellten häufig auch schlichtweg die Zeit sich um Dinge wie zum Beispiel die Bewerbung von Veranstaltungen zu kümmern.

Angebot und Nachfrage

Aus diesen Gründen ist es falsch zu behaupten, die Angebote in den Jugendclubs währen stabil geblieben. Und doch wird genau das von Seiten der Bezirke und des Senats nur zu gerne behauptet. Schon allein die Tatsache, dass die freien Träger in der Regel weniger Personal einstellen, sollte ja den Schluss zulassen, dass dementsprechend das Angebot leiden muss. Außerdem sind Fälle bekannt, in denen die Anzahl der Veranstaltungen pro Jahr um mehr als die Hälfte zurückgegangen sind. Ob dies einfach verschwiegen wird oder den entsprechenden Gremien nicht bekannt ist, steht zur Debatte, denn tatsächlich gibt es schlichtweg keine Kontrollen ob und wie sich das Angebot unter den freien Trägern entwickelt. Jahrelang von den öffentlich Angestellten gekauftes und gepflegtes Equipment verkommt unter den freien Trägern, weil die Reparaturkosten zu hoch scheinen, die Jugendlichen sind den Launen und Geschäftsideen der BesitzerInnen völlig ausgeliefert. So kommt es auch vor, dass in den Jugendclubs einfach kein Platz mehr für Jugendliche ist, z.B. wenn sich ein Träger dazu entscheidet die Räume am Wochenende an private VeranstalterInnen zu vermieten. In solchen Fällen ziehen die Jugendlichen gegenüber den Mietezahlenden den Kürzeren, schließlich rechnet sich so eine private Veranstaltung viel mehr. Die Jugendlichen müssen dann sehen wo sie bleiben, sie haben im Wettbewerb den Kürzeren gezogen.

Hauptsache billig?

Der immense Verlust an Kulturangeboten für Jugendliche ist bereits ein harter Schlag, der die Privatisierung mehr als nur fragwürdig erscheinen lässt. Doch viel bitterer erscheint das Ganze, wenn man sich die tatsächliche Sparbilanz der Bezirke ansieht. Denn die behaupteten Einsparungen sind gar nicht so hoch wie immer behauptet wird. Die Kosten werden größtenteils von den Bezirken an den Senat weitergegeben. Schließlich können die öffentlich Angestellten nicht einfach gekündigt werden. Sie stehen unter besonderen Kündigungsschutz und müssen daher weiter Bezahlt werden, solange sie nicht freiwillig kündigen. Zudem bleiben die Jugendclubs auch unter den freien Trägern nicht ohne staatliche Zuschüsse. Alles in allem fallen immer noch große Kosten für Jugendclubs an, die nicht mehr den Jugendlichen dienen. Gewinner bleiben die freien Träger die dank billigem Personal, staatlicher Zuschüsse und erhobenen Mieten in den meisten Fällen auf positive Bilanzen schauen können.

Auf Kürzungen folgt Widerstand?

Viele der Belegschaften wurden nur kurz vor den anstehenden Privatisierungen darüber informiert, dass auch ihre Einrichtung nun verkauft werden soll. Dementsprechend schwierig war es in vielen Fällen sich gegen die anstehende Veränderung zu wehren und trotzdem wurde viel probiert. Vor allem auf Demonstrationen wurde versucht auf die Situation in den Jugendclubs aufmerksam zu machen. Immer wieder zogen Lauf- und Fahrraddemos von Angestellten, Jugendlichen und deren Eltern vor die verantwortlichen Bezirksverwaltungen. Auch direkt in den Versammlungen oder an deren Rand versuchte man sich Gehör zu verschaffen. Doch letztlich wussten al le politischen VertreterInnen das Problem klein zu reden. Die Abgeordneten verwiesen darauf, dass al le Befürchtungen überzogen seien, und sich al les einrenken würde.

Und Jetzt!?

Es bleibt abzuwarten wie sich die Lage weiter entwickelt. Es ist durchaus möglich, dass ein weiterer großer Teil der Jugendclubs privatisiert wird. Und auch die Lage der bereits privatisierten Clubs bleibt wackelig. Immerhin steht es den freien Trägern offen, wie lange sie einen Jugendclub unterhalten wollen. Sollte sich herausstellen, dass sich ein bestimmtes Haus nicht mehr rechnet, kann es einfach geschlossen werden. Ohne Ersatz. Die Leidenden sind dann wieder die Jugendlichen, denen die Räume genommen werden. Das Interesse der Öffentlichkeit hat jedenfalls stark abgenommen. Nachdem der Widerstand gegen die Privatisierungen ins Leere lief und sich Informationen über Missstände nur auf kleine Kreise ausbreiten, bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft die Betroffenen wieder stärker anfangen zu wehren und die Öffentlichkeit wieder Notiz davon nimmt. Es gärt weiter in den Jugendclubs dieser Stadt.

Quelle: http://asjberlin.blogsport.de/images/Schwarzes_Kleeblatt_Nr2.pdf

Ein Bericht der ASJ-Berlin

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