Nirgends kannst mehr hingehen

Über fehlende öffentliche Räume und einen Polizeiübergriff auf einen Obdachlosen. Text und Fotos: Peter A. Krobath (übernommen vom Blog der Bettellobby)

Die vom Karlsplatz vertriebene Drogenszene sucht einen Lebensraum. Die Stadt Wien will das Entstehen eines neuen Treffpunkts im Öffentlichen Raum verhindern. Aktuell mit einem massivem Polizeieinsatz rund um die U6-Station Josefstädterstraße.

Dienstag, 12. April, 16:00, U6-Stationsgebäude Josefstädterstraße, Müllraum. Zwei Exekutivbeamten drücken einen Obdachlosen, den sie wenige Minuten zuvor aus den Räumlichkeiten des Tageszentrum JOSI geleitet haben, zu Boden, eine Kollegin legt ihm Handschellen an. Nun wird der wehrlose Mann am Kragen hochgezogen, bekommt von einem Polizisten eine Ohrfeige und dann einen Schlag mit dem Knie ins Gesicht. „Das ist viel zu brutal!“ regt sich der Augenzeuge auf, der die Szene durch die offen stehende Tür beobachtet. Seine Ansprechpartner sind zwei Polizeibeamte, die vor dem Müllraum stehen. „Was denn?“ – „Dass sie ihn schlagen! Noch dazu, wenn er in Handschellen ist.“ – „Nein, da ist nichts. Sowas machen wir nicht.“ – „Doch! Ich hab es ja gerade gesehen.“
Treten wir ein paar Schritte zurück. Das Otto-Wagner-Gebäude der U6-Station Josefstädterstraße ist von einem Baugerüst umgeben. Eine Notmaßnahme, denn seit einigen Monaten fällt der Verputz ab, bröckelt die Fassade. Es ist später Vormittag, vor dem Obdachlosen-Tageszentrum JOSI halten sich rund 60 Leute auf, darunter acht Polizisten. Einer der Beamten hält ein Klemmbrett mit einer Liste in der Hand. Im Rudel streifen die Uniformierten zwischen den Eingängen von JOSI und U-Bahn hin und her, halten mutmaßliche Drogenkonsumenten und -händler auf, durchsuchen Taschen, blättern in Ausweisen und ärztlichen Verschreibungen, sprechen Wegweisungen aus, offiziell, und auch inoffiziell: „Verlassen Sie jetzt bitte diese Örtlichkeit und damit ist das erledigt.“
Einen grauhaarigen Mann fangen sie bereits bei der 2er-Straßenbahnstation ab. „Ich darf da nimmer umsteigen, haben sie gesagt. Darf mich da nimmer aufhalten“, erzählt er nach der Identitätsüberprüfung. Und zeigt für die Maßnahme Verständnis, „weil seit sie den Karlsplatz gesperrt ham, spielt sich‘s hier ab.“
Ein Mann, der mit einer Bierdose beim Kebab-Stand lehnt, mischt sich ein: Auch er habe einen Platzverweis für die gesamte Station. Warum, frage ich. Weil er nicht da wohne, sagt er. Gestern hätten sie ihn aus der Karlplatzpassage vertrieben, dabei habe er nur ein „Kapperl“ gekauft. Er trägt tatsächlich eine neue Sportkappe. „Das sind ja keine Zuständ, nirgends kannst mehr hingehen!“
Das Tageszentrum Josefstädterstraße existiert bereits seit 22 Jahren. Hier können Obdachlose essen, kochen, duschen, Wäsche waschen, einen Ruheraum benützen, Beratung bekommen, andere Leute treffen. Eine Qualität der Einrichtung ist die besondere Lage zwischen den Gürtelfahrbahnen, also ohne direkte Anrainer. Die ermöglichte es den Klienten der JOSI bisher, den öffentlichen Raum vor der Einrichtung zu nutzen, und dort auch Alkohol oder Haschisch zu konsumieren ohne gleich Aufregung und Vertreibung zu riskieren. Etliche begannen sogar, Verantwortung für diesen „ihren“ Platz zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass am Abend der Müll weggeräumt wird.
„Das hier war einer der letzten öffentlichen Räume in Wien, von denen diese Leute nicht per se vertrieben wurden“, sagt Alexander Minich, Leiter des Zentrums. Als er vor zwölf Jahren in der JOSI anfing, habe es noch den klassischen Sandler gegeben, „Rauschebart, keine übertriebene Körperpflege, mit oder ohne Alkoholproblem“. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Obdachlosenpopulation: „Heute haben wir es mit verschiedenen Gruppen zu tun. Das sind Personen mit Alkoholproblematik, Personen mit illegaler Suchtproblematik, Personen mit psychiatrischen Auffälligkeiten und Personen mit Migrationshintergrund, wobei diese letzte Gruppe wieder in verschiedene Gruppen zerfällt, je nach Herkunft. All diese Gruppen sind in ihren Verhaltensweisen sehr unterschiedlich und verstehen sich nicht selbstverständlich.“
Zugenommen hat der Andrang in und vor der JOSI in den letzten drei Jahren nicht zuletzt durch die Vertreibung der Obdachlosen von anderen Orten in Wien, z. B. von den Bahnhöfen und ihren Vorplätzen. Seit einigen Monaten nutzt nun auch ein Teil der vom Karlsplatz vertriebenen Drogenszene den Platz vor der U-Bahnstation und vor dem Tageszentrum als neuen Treffpunkt.
„Es wird getrunken und gepöbelt, Passanten und Anrainer fühlen sich belästigt oder gar eingeschüchtert und der Weg zur U-Bahn gestaltet sich als regelrechter Spießrutenlauf“, schreibt eine Bezirkszeitung Anfang März. Seit Mitte März ist die Polizei dauerpräsent, was laut inoffiziellen Quellen im Monat Kosten von einer Million Euro verursachen soll. „Die Szene hier kann aber nicht mit dem Karlsplatz verglichen werden“, betont Polizeisprecher Johann Golob. „Der einzige Drogenhandel, der von uns beanstandet werden konnte, war Cannabis-Verkauf in einer Seitengasse.“
Die Obdachlosen vor der JOSI sehen die Polizeipräsenz unterschiedlich. „Wenn sie die Junkies vertreiben, ist mir das recht“, meint einer. Ein anderer erlebt die Uniformierten als Provokation. Er habe ihnen heute schon ein Gedicht vorgetragen, ein schönes Gedicht, und was habe er als Antwort erhalten? „Wenn Sie so weiter machen, kriegen Sie gleich zwölf Stunden Platzverbot!“ – „Du bist halt goschert“, sagt seine Freundin. – „Na und? Was wollen sie denn da? Ist das Vorbeugung? Nein, Diskriminierung ist das. Dann sollen sie gleich wieder den Hitler holen!“ Die Polizisten würden nur ihre Arbeit machen, sagt sie, es gäbe auch nette, mit denen man reden kann.
Alexander Minich spricht von einem prinzipiell guten Verhältnis zur Polizei. Und dass sie nun sofort vor Ort ist, wenn es im Tageszentrum zu prekären Konfliktsituationen kommt, sei auch kein Nachteil. „Andererseits ist schon feststellbar, dass die Grundaggression hier seit der massiven Polizeipräsenz ein Stück weit höher ist als vorher.“ Hauptproblem sei der sehr verengte nutzbare öffentliche Raum. „Es braucht in Wien wesentlich mehr öffentliche Räume für Randgruppen. Und das soll durchaus mitten im urbanen Gebiet sein, denn eine Gesellschaft muss es aushalten, Phänomene, die sie produziert, auch zu Gesicht zu bekommen.“
Kritik an der aktuellen Drogenpolitik der Stadt äußern auch Barbara Berner und Lukas Schober von der BAST (Bundesarbeitsgemeinschaft Straßensozialarbeit Österreich), einer ehrenamtlichen Interessensgemeinschaft der heimischen Streetworkerinnen. Die Zerstörung des „funktionierenden Systems Karlsplatz“ und der Versuch, die Szene zu zersplittern, erschwere die Hilfe für die Drogenkonsumenten sehr. „Es besteht außerdem die Gefahr, dass nun wieder vermehrt Spritzen in Parks, auf öffentlichen Toiletten oder in Müllräumen herumliegen.“
Apropos Müllraum. Der Obdachlose, der laut Augenzeugenbericht im Müllraum der U6-Station von Polizisten geschlagen wurde, sagt, er könne sich an nichts erinnern. Sein Brustkorb tue ihm weh, das schon. Vor allem beim Lachen. – Fortsetzung folgt.

Quelle: http://bettellobbywien.wordpress.com/2011/05/07/%E2%80%9Enirgends-kannst-mehr-hingehen%E2%80%9C/

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