Medizinstudierende nutzen die Gunst der Strasse

In folgendem legen wir euch einen Artikel aus der Sozialen Medizin zum Thema „Fallkostenpauschalen“ nahe. Hinter diesem bürokratisch klingendem Wort verbirgt sich nichts weiter als eine bildungs-, beschäftigungs- und patient_innenfeindliche Spitalsreform diesmal in der Schweiz. Am Ende des Artikels ist ein Link zu einer Onlinepetition zu finden. Wir bitten euch die Kolleg_innen mittels Unterschrift solidarisch zu unterstützen.„Rücken krumm, Taschen leer – Fallpauschalen, danke sehr!“, „Gesundheit für alle, sonst gibt’s Krawalle!“ und „Was wir wollen, ist nicht viel – Moratorium ist das Ziel!“. Mit Parolen wie diesen nutzten am 5. März 2011 über 150 Medizinstudierende die Gunst der Strasse, um ein DRG-Moratorium zu fordern.

Bei den DRG, die ab 2012 in allen Schweizer Spitälern eingeführt werden sollen, handelt es sich um ein Vergütungssystem für Spitalleistungen, das sich an Diagnosen statt am reellen, individuellen Aufwand orientiert. Wie Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, ist dies mit einem massiven Qualitäts- und Personalabbau, einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im medizinischen Sektor sowie steigenden Kosten im ambulanten Sektor verbunden. Für uns Medizinstudierende stellt sich zusätzlich das Problem, dass die Finanzierung unserer Aus- und Weiterbildung im SwissDRG-System nicht gewährleistet ist. Die Crux an der Sache ist: bis vor kurzem hat keine öffentliche Diskussion zu den DRG stattgefunden.

Die Entscheidungsmacht lag nicht bei denjenigen, die die ökonomisierte Suppe werden auslöffeln müssen. Schlimmer noch: ein Grossteil derjenigen, welche durch die Änderung am stärksten betroffen sein werden (PatientInnen, medizinisches Personal), wissen nicht, was ihnen da blüht. Information tut also dringend not. Was macht nun also der besorgte und nicht minder empörte Medizinstudierende angesichts der verzwickten Sachlage? Sich mit Gleichgesinnten in Form der Gruppe „Medizinstudierende für ein DRG-Moratorium“ organisieren und dafür sorgen, dass die Alarmglocken doch noch rechtzeitig läuten! So schoben wir Vorlesungen, Staatsexamen und Masterarbeit vorerst grosszügig beiseite (manche sprachen gar von einem Staatsexamen-Moratorium), um uns einem Thema zu widmen, das zu gravierend ist, um tatenlos zuzuschauen und das nicht nur uns in unserer künftigen Berufstätigkeit, sondern die Gesellschaft als Ganzes betreffen wird. In unseren Anliegen werden wir unterstützt von der swimsa, dem Verband Schweizerischer Medizinstudierender, welcher sich ebenfalls klar für ein Moratorium ausgesprochen hat – dass sich das studentische Pendant zur FMH gesundheitspolitisch positioniert, ist eine Premiere und widerspiegelt die enorme Relevanz der Thematik.

KantonsrätInnen mit Flyern empfangen

In Dezember 2010 kam es zur ersten Protestkundgebung vor dem Kantonsrat. Die Intention: frühmorgens zur Budgetdebatte eintrudelnde KantonsrätInnen mit Flyern und Forderungen statt Kaffee und Gipfeli empfangen – die Aktion glückte mit vielen positiven Rückmeldungen sowie Zusagen mehrerer PolitikerInnen, uns in unseren Forderungen zu unterstützen. Da innerhalb der Studierendenschaft nach wie vor eine allgemeine Unsicherheit zum Thema auszumachen war, entschieden wir uns zur Durchführung einer Informationsveranstaltung in Form einer Podiumsdiskussion am Universitätsspital Zürich. Die Veranstaltung im Februar 2011 stiess auf reges Interesse und war sogar besser besucht also so manche Vorlesung. Prof. Dr. med. Felix Gutzwiller und Toni Bortoluzzi referierten als Pro-DRG-Redner; Dr. med. Christian Hess und Margrit Kessler von SPO Patientenschutz stellten die Contra-Seite dar. Es war uns ein Anliegen, beide Seiten aufzuzeigen, auf dass sich die ZuhörerInnen ein eigenes Urteil bilden mochten. Aufgrund der etlichen ungeklärten Fragen bezüglich der DRG-Einführung und der Vielzahl an fundierten Argumenten, die gegen eine Einführung am 1. Januar 2012 sprechen, kristallisierte sich im Laufe des Abends deutlich heraus, weshalb die Argumente unvermeidlich für ein DRG-Moratorium sprechen. Es gilt, eine Vielzahl an Fragen zu klären: so muss die Behandlungs- und Ausbildungsqualität gewährleistet sein; weiter muss ein Jahr vor der Einführung eine Begleitforschung begonnen werden, um die Auswirkungen der DRG besser abschätzen zu können.

Patienten bleiben – DRG vertreiben

Von ebenso grosser Bedeutung war es, diejenigen Menschen zu erreichen, welche voraussichtlich am stärksten unter der fallpauschalisierten Realität leiden werden: die PatientInnen, sprich die breite Bevölkerung. Wir alle werden uns früher oder später in der Rolle als PatientInnen wiederfinden und darauf angewiesen sein, eine adäquate medizinische Behandlung zu erhalten. So versammelten sich am sonnigen Samstagnachmittag des 5. März über 150 Medizinstudierende aller Jahrgänge, um der Forderung nach einem DRG-Moratorium Gehör zu verschaffen. Ausgerüstet mit weissen Kitteln und Stethoskopen, zogen wir durch die Zürcher Innenstadt, verteilten rege Flyer, skandierten Parolen wie „Patienten bleiben – DRG vertreiben!“ und ernteten so manch verwunderten, aber interessierten Blick und mitunter ein verbündetes Lächeln. Hinter einem grossen Fronttransparent mit dem Versammlungsmotto „Gemeinsam für ein gerechtes und gutes Gesundheitswesen!“ wurden Schilder mit der Aufschrift „Deine Ruinierte Gesundheit“ und „Destruktiver Rückschritt im Gesundheitswesen“ spazierengetragen. Mehrere Studierende hatten sich als „blutig entlassene“ PatientInnen verkleidet und hinkten mit blutigen Gipsverbänden, blassen Wangen und Infusionsgeräten mehr schlecht als recht dem Demonstrationszug hinterher.

Ein weisser Musikwagen wurde kurzerhand in ein Ambulanzfahrzeug umfunktioniert und begleitete mit allerlei Getöse unseren Protestmarsch. PassantInnen wie Begleitpolizei wurden über die verheerenden Auswirkungen der SwissDRG aufgeklärt und zeigten sich empört angesichts der verheerenden Umstrukturierung. Im Anschluss an die Demonstration legten verschiedene RednerInnen ihre Standpunkte zur Thematik dar: Balthasar Glättli (Gemeinderat Grüne Partei Zürich & Gewerkschafter), Erika Ziltener (SP-Kantonsrätin, Präsidentin Schweizerische Patientenstelle), Dr. med. David Winizki (Hausarzt, Initiant der IG DRG-Moratorium , VUA¨) sowie die Gruppe „Medizinstudierende für ein DRG-Moratorium“. Als Folge der Demonstration erhielten wir von Medien und Mitmenschen zahlreiche Rückmeldungen, die sich überrascht darüber zeigten, dass Medizinstudierende für politische Anliegen gemeinsam auf die Strasse gehen. Dies ist sicherlich nicht alltäglich, zeigt aber die Brisanz und das absehbar verheerende Ausmass der Thematik. Angesichts dessen fühlten sich etliche Medizinstudierende sowie die swimsa verpflichtet, die Stimme zu erheben und sich politisch zu engagieren. Dies ist ein erster wichtiger Schritt.

Auf dem Internet Petition unterzeichnen!

Nun braucht es vermehrt politischen Druck und solidarische Zusammenarbeit. Gemeinsam können wir eine Einführung per 1. Januar 2012 immer noch verhindern, da der Bundesrat Ende Juni 2011 über den definitiven Einführungstermin entscheidet. Es besteht nach wie vor die Möglichkeit (auch für nichtärztliche Personen), auf der Website http://www.drg-moratorium.ch eine elektronische Unterschrift für ein Moratorium zu setzen. Von grosser Bedeutung ist auch ein entsprechendes Votum der Ärzteschaft. Auf der erwähnten Website findet sich daher auch eine Petition von ÄrztInnen an den Zentralvorstand der FMH.

Aylin Canbek

Eine Antwort zu “Medizinstudierende nutzen die Gunst der Strasse

  1. Newsletter

    Vom DRG-Moratorium zu DRG-Monitor

    Liebe interessierte und besorgte DRG-Moratoriums-UnterzeichnerInnen

    Leider haben unsere Bemühungen nicht zu dem erwünschten Erfolg geführt. Immerhin konnten einige kritische Punkte ins öffentliche Bewusstsein gehoben werden, und die Situation wäre wohl ohne unser Engagement noch stärker am Volk vorbei politisiert worden. Der aktuelle Stand der Einführung der DRG ist nun allerdings schlimmer als je von uns prognostiziert wurde. Trotzdem besteht von politischer Seite her im Moment keinerlei Kompromissbereitschaft. Umso wichtiger ist, dass unsere Gruppe weiterhin aktiv bleibt.

    Wir haben deshalb entschieden, aus dem DRG-Moratorium ein DRG-Monitoring zu machen. Die neue Website heisst http://www.drg-monitor.ch und ist bereits aktiv. Alle Meldungen im Zusammenhang mit Problemen rund um die DRG-Einführung können dort eingegeben werden. Es ist wichtig, dass möglichst viele Leute auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht werden. Kritische Themen für die Patienten sind neben Über- und Unterversorgung insbesondere der Datenschutz. Für das Personal sind die Besorgnis erregenden Punkte der zunehmende Druck wegen laufend wachsender Administrativkosten und der vom Bundesrat viel zu tief angesetzte Investitionskostenanteil. Unkoordiniert ist die Begleitforschung, welche auch zu spät startete. Ebenso ist die ärztliche Weiterbildung, mindestens für 2012, nicht einheitlich gelöst. Es sind dies alles Themen, die wir im Vorfeld in die Diskussion eingebracht und damit versucht hatten, einen öffentlichen Diskurs zu lancieren, bei dem wir aber immer wieder am Widerstand der befürwortenden Interessengruppen gescheitert sind.

    Wir wollen nicht aufgeben! Fordern Sie Ihre Umgebung auf wachsam zu bleiben! Melden Sie die Beobachtungen auf dem Internetportal und geniessen Sie die letzten Festtage ohne Swiss-DRG im 2011!

    Trotz des Wechsels zur neuen Spitalfinanzierung wünschen wir allen einen guten Start ins neue Jahr!

    Kerngruppe DRG-Monitor

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