On n‘oublie rien…

Tahrir Square, December 17, 2011

Am 17. Dezember um 19.30 Uhr schickt Pierre Soufi, berühmter Künstler, Kunstprofessor und mit seiner immer offenen Dachgeschosswohnung über dem Tahrir einer der nachhaltigsten Unterstützer der Revolution, den Link zu einem Lied von Jaques Brel über Twitter: „Playing now: On n‘oublie rien, on ne que s‘habitue…“

Das Lied zum Ende der Revolution?

Während Jaques Brel über das Nicht-Vergessen-Können singt, darüber, dass man sich nur gewöhne an den Schmerz, zerschlagen Soldaten 9 Stockwerke unter Soufis Appartement die Reste der Bewegung, die vor 10 Monaten den Präsidenten Mubarak stürzte und damit das Militär, das bisher nur im Hintergrund herrschte, an die Macht brachte. Damals, als die Demonstrant_innen Soldaten küssten, ihnen Rosen reichten und ihre Neugeborenen, hätte wohl kaum jemand erwartet, so bald die Bilder zu sehen, die jetzt durchs Netz gehen, Bilder von einer solchen Brutalität, Arroganz, Zerstörungswut, dass selbst die, die bisher noch immer, in blinder Hoffnung, vielleicht auch größter Naivität und Einfalt, immer noch das Militär verteidigt hatten, ihm zumindest eine Chance geben wollten, sprechen offen von einem „Militärputsch“ bzw. dessen endgültiger Manifestation.

Egypt is on fire , we are fucked simply fucked nation in disaster , the buildings are on fire…
Zeinobia, Bloggerin, auf Twitter

1. Es ist die Armee selbst, die angreift – während der „zweiten Revolution“ im Juli, der „dritten“ Ende November war es immer die Polizei bzw. die Riot-Polizei CSF (deren rund 300.000 Angehörige dem Militär zugehören) die vorgeschickt wurde, die Protestierenden anzugreifen – doch um ihr Image scheint sich die Armee kein bisschen mehr zu kümmern.

2. Die Soldaten greifen in äußerster Brutalität und Schonungslosigkeit an. Die offenbare Strategie: wenig Verhaftungen, pure Gewalt. Zahlreichen Videos zeigen das Vorgehen: Wen immer sie kriegen, den umzingeln Dutzende, treten und schlagen mit Stöcken auf die Festgehaltenen ein, bis diese schwer verletzt, bewusstlos oder tot sind, dann lassen sie die leblosen Körper auf der Straße liegen und ziehen weiter. Mit scharfen Schüssen strecken Soldaten Protestierende nieder, die ihnen zu nahe kommen oder schon am Boden liegen.

Die Angriffe treffen jeden, junge Männer, ältere Frauen. Die offizielle Zahl der Toten liegt momentan bei 10, die der Verletzten um 500, die Zahlen stammen von der Regierung und dürften um ein Vielfaches höher sein.

Von Zuckerbrot und Peitsche, Repression und Propaganda, Strategie der Armee bis September, ist endgültig nur ersteres geblieben. Zahlreiche Fotos belegen, wie Soldaten den Protestierenden das Siegeszeichen, den Mittelfinger (oder gleich ihren Schwanz zeigen).

3. Aktivisten berichten von einer Vielzahl bis zu systematischen sexuellen Übergriffen. Am meisten aufsehen erregt hat in den letzten Stunden das Foto und Video, wie Soldaten eine verschleierte Frau niederknüppeln, ihr bis auf den BH die Kleider vom Leib zerren, sie über die Straße schleifen und sie dann nackt und leblos liegen lassen (eine Fotostrecke dazu hat die unabhängige aber stark zensierte Zeitung Al-Masry Al-Youm nach wenigen Stunden schon wieder gelöscht, derzeit ist sie auf flickr noch vorhanden).

4. Anders als alle Monate zuvor verschont die Armee nun keineswegs mehr die gut gebildeten und aus bekannten Familien stammenden Blogger und bekannten Aktivisten, die – bis zur Verhaftung Alaa Abd el-Fattahs vor sechs Wochen – meist verschont wurden. Es scheint im Gegenteil nun, dass gerade diese ein Hauptziel der Angriffe sind: Fast alle der bekannten Aktivisten und Medienaktivisten die versuchten die Übergriffe von gestern und heute zu dokumentieren, wurden schwer verletzt, brutal zusammengeschlagen oder sind in Haft. Manche wurden auch weiter entfernt vom Tahrir angegriffenen. Angehörige der oppositonellen Al-Adl Partei wurden offenbar in ihrer Parteizentrale verhaftet, sie kamen einige Stunden später frei, sind aber teils schwer verletzt.

Das folgende Video zeigt Noor Ayman Noor, Sohn des sehr bekannten Oppositionspolitikers und Anwalt Ayman Noor, der 2008 gegen Mubarak als Präsidentschaftskandidat antrat und nun erneut Präsidentschaftskandidat ist (mit dunklen, lockigen Haaren) wie er versucht, eine junge Frau zu beschützen und dann brutal geschlagen wird, ehe ein Offizier ihn erkennt und versucht (mit mäßigem Erfolg) die Soldaten davon abzuhalten. Mona Seif, eine der bekanntesten AktivistInnen und Schwester des verhafteten Bloggers Alaa, wurde mit ihrer Schwester verhaftet und heftig geschlagen, ehe sie freikamen. Rasha Azab, Journalistin, die die Jungfräulichkeitstests der Armee im März öffentlich gemacht hat, wurde schwer verletzt, als die Armee Porzellan vom Parlamentsgebäude auf die Protestierenden warf.

5. Ein zweites Ziel war jede Art von Medien. Noch während der heutigen Attacke auf den Tahrir stürmte Militärpolizei in- und ausländische TV-Stationen, die rund um den Tahrir Wohnungen oder Hotelzimmer gemietet hatten oder Studios besaßen, warfen Equipement aus dem Fenster oder beschlagnahmten es. Berichten zufolge schossen (!) die Soldaten auf jeden, der einen Fotoapparat, eine Kamera hatte oder nur mit dem Handy filmte.

Auf Twitter:

Ghada Shahbender
Egypt army troupes attacked #tahrir , removed all television cameras and broke into homes where people are filming. Ambulances chased away

Nora Shalaby
Army cracking down on all media, complete censorship of the crimes they are currently committing #NoSCAF #tahrir #OccupyCabinet

RiverDryFilm Omar Robert Hamilton
Camera lost to the army. They‘re throwing journalists equipment out of windows.

RiverDryFilm Omar Robert Hamilton
I can see officers playing with stolen cameras in the stare below. Unbelievable.

Gleichzeitig wurde sowohl die Zensur als auch die Propaganda in den staatlichen Medien verstärkt: Die (unabhängige) Zeitung Al-Masry Al-Youm nahm am Samstag Abend ein wenige Stunden zuvor hochgeladenes Foto der attackierten Frau von der Webseite. Neben gefälschten Artikeln (s.u.) veröffentlichte es im Staatsfernsehen ein Video, das zeigt, wie angeblich Protestierende das Parlamentsgebäude mit Steinen attackieren und sagt aus, es sei seine Pflicht, das Parlament zu schützen und gegen die ‚aus dem Ausland gesteuerten‘ Angreifer vorzugehen. Die Armee verbreitete daneben, Protestierende hätten das historische Nationalinstitut angezündet und Tausende jahrhundertealter Schriften zerstört, Aktivisten werfen der Armee vor, das Gebäude selbst angzündet zu haben. Am späten Sonntag Abend intensiviert das Staatsfernsehen die Hetze gegen die Protestierenden: Es spricht von „feindlichen Elementen aus den dem Ausland“ und zeigt offenbar bezahlte thugs, die weinend ‚gestehen‘ sie seien von Protestierenden Gehirnwäsche unterzogen und bezahlt worden, um Molotov-Cocktails auf die Armee zu werfen.

Die Ereignisse


Bericht auf Al-Jazeera International, 17. Dezember
Am Freitag, den 16. Dezember beginnen gegen 4 Uhr morgens Kämpfe um den Sit-in vor dem Kabinettsgebäude direkt hinter dem Tahrir. Seit zwei Wochen protestieren einige hundert dort gegen die Ernennung Al-Ghanzawis zum neuen Premierminister. Bereits zwei Tage zuvor kam es zu einem Zwischenfall – freiwillig gespendetes Essen stellte sich als vergiftet heraus, dutzende Protestierende mussten mit teils schweren Vergiftungen ins Krankenhaus. Der unabhängige Sender Al-Mehwar zeigte später ein Video der Anlieferung des Essens von einer offenbar wohlhabenden Dame mit scharzem Wagen – der kein Nummernschild trägt. Am frühen Morgen des 16. Dezember kommt ein Protestierender, der das Camp einige Stunden zuvor verlassen hatte, blutüberströmt und schwer verletzt zurück – er ist aufgegriffen, verprügelt, mit Elektroschocks gefoltert worden. Die Armee behauptet, Protestierende hätten Wachleute des Parlaments angegriffen, die Protestierenden sprechen von einem Angriff und gewaltsamer Räumung des Sit-in. Die Soldaten prügeln wild auf jeden ein, den sie zu fassen kriegen, währenddessen werfen Soldaten Steine, große Glas- und Porzellanscherben vom Dach des Parlamentsgebäudes, zahlreiche Protestierende tragen teils schwere Schnittwunden davon. Tausende stürmen herbei, um den Angriff zurückzuweisen. Schwere Straßenschlachten rund um den Tahrir-Platz, die sich erst zum Abend hin beruhigen. Berichten zufolge brechen in mehrern umliegenden Gebäuden Feuer aus.

Unter den am 16. Dezember getöteten ist auch Imad Effat, sehr bekannter und geachteter Iman und islamischer Rechtsgelehrter, der seit Januar die Proteste auf dem Tahrir-Platz unterstützt hat. Beim seinem Begräbnis in der Al-Azhar-Moschee heute sammelten sich Tausende zum Protest und zogen am frühen Abend zum Tahrir-Platz, wo die Zusammenstöße andauerten. Die größte Staatszeitung Ägypten Al-Ahramveröffentlichte heute ein gefälschtes Interview mit seiner Frau worin sie erzählt, er sei zum Sit-in am Kabinettsgebäude gegangen um die Protestirenden zum Aufgeben zu überreden und sei von einem Protestierenden erschossen worden. Seine Frau, selbst Journalistin, protestierte scharf: Dies sei ein komplette Lüge, ihr Mann habe an den Protesten teilgenommen und sei von einem Soldaten aus nächster Nähe erschossen worden.

Am Morgen des 17. Dezember steht das historische Wissenschaftliche Nationalinstitut in Flammen. Die Feuerwehr trifft erst spät ein, Tausend teils jahrhundertealter Schrifen verbrennen.


Tahrir, 13 Uhr. Die Armee stürmt den Platz, brennt alle Zelte ab. Die Feldkrankenhäuser der Protestierenden werden gestürmt, Ärzte, Helfer und Verletzte verhaftet. „Die prügeln den Leuten die Seele aus dem Leib, auch den Ärzten und freiwilligen Helfern“ schreibt ein Aktivst auf Twitter. Zugleich stümt Militärpolizei die Sendestationen und gemietete Wohnungen von ägyptischen und ausländischen TV-Sendern, wirft die Ausrüstung aus dem Fenster oder beschlagnahmt sie. TV-Sender , die zunächst über die Attacke berichteten, mussten kurze Zeit später die Berichterstattung abbrechen. Am Nachmittag schreibt die Bloggerin Zeinobia: „Up till now there is no a real channel TV transferring what it is taking place properly.“

Ein Video zeigt die surreale Sitution des Angriffes: Soldaten die prügeln und Zelte niederbrennen während die Muezzine der umliegenden Moscheen zum Mittagsgebet rufen…

Die Armee schlägt und verhaftet auf dem Tahrir und in den umliegenden Straßen jeden, den sie in die Finger bekommt. Brutale Übergriffe, scharfe Schüsse, heftige Straßenschlachten, die um Mitternacht in der Qasr el-Aini Straße zwischen Tahrir und Nil andauern, Molotovs und Steine von beiden Seiten…

Quelle: http://egyptianspring.blogsport.de/2011/12/17/on-noublie-jamais/

Eine Antwort zu “On n‘oublie rien…

  1. am freitag fand in der kasachischen stadt Zhanaozen ein massaker an streikenden ölarbeitern statt: http://linksunten.indymedia.org/de/node/52112 http://linksunten.indymedia.org/de/node/52191 http://campaignkazakhstan.org/
    kundgebung in wien: Kasachisches Konsulat (Wipplingerstr. 35)
    Datum: Donnerstag, 22.12.’11 11:00
    http://www.slp.at/termine+M5edabb4f4d3.html

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